Gier gibt’s nicht. Nicht die bewusstlose Gier, die brünstig hortet und zusammenrafft. Diese Bestimmung von Gier, die ihrerseits eher bewusstlos scheint, verdeckt leider, wie gefährlich Gier bei Menschen wirklich ist.

Kein Tier überbordet, was ihm zuträglich ist. Die Natur hält Mass. Im Gegensatz zu Menschen. Früher gab es daher die Tugend der Mässigkeit. Die antiken Mythen berichten in zahllosen Abwandlungen, wie Masslosigkeit korrigiert wird. Die Moderne hat sich von dieser Tugend verabschiedet. Das liegt in ihrem Wesen. Denn sie ist darauf aus, dass wir Möglichkeiten ausreizen, die die Welt bietet. Da kann sie uns gewiss keine Zügel anlegen. Heute wird Kapitalismus und Raffgier in einem Atemzug genannt. Dieses System arbeitet eben dann vorzüglich, wenn es eine gewisse Gruppe unbegrenzt Reichtümer scheffeln lässt. Daraus ziehen früher oder später alle Beteiligten ihren Nutzen. So die Theorie, so zum Teil die Erfahrung. Dennoch gehört Gier, sofern sie blödsinnig vorgeht, der Märchenwelt an, wie der böse Wolf oder die herrschsüchtige Stiefmutter. Daher mag ich mich auch für Filmproduktionen wie Oliver Stones „JFK“ wenig begeistern, wenn er zeigt, wie US-Generäle sich bei Zigarre und Brandy und mit schiefer Krawatte im Polster fläzen und lüstern hämisch sich darüber auslassen, dass ihnen in Vietnam freie Hand gewährt wird. Stone überdeckt damit, dass Kriegsverbrechen zumeist aus Pflichterfüllung geschehen, nicht aus Gier. Oder aber diese machtlüsternen Offiziere sind bloss Spielbälle von Pflichtbewussten, die die Öffentlichkeit scheuen und sich die Hände sauber halten möchten. Bei Märchen oder Filmen dieser Art muss man die Dinge vereinfachen, damit das Gute als Lehrstück umso deutlicher hervortritt. Menschliche Raffgier ist anders. Und eben weitaus schlimmer.

Die Frage ist unüblich, aber berechtigt: Was ist eher zu fürchten, die Blödsinnigkeit des gierigen Nächsten oder sein kalkuliertes Vorgehen? Ich meine, es sind öfter Überlegungen im Spiel, als wir vermuten. Bei allen Menschen. Blödsinnigkeit dient eher der Beleidigung anderer, bei denen für dringend erachtet wird, dass man sie in ihrer Anmassung zurechtstutzt, ohne dass man ein Mittel wüsste, das zu erreichen.

Die Klage von der bewusstlosen Raffgier belegt eher die Ohnmacht des Klägers, als dass es den Übeltäter genauer erklärte.

Wenn Bauern Vorräte anlegen, kämen wir nie auf die Idee, ihnen Gier zu unterstellen. Selbst dann nicht, wenn sie bei fetter Ernte ganze Scheunen füllen und alles Mögliche einpökeln, räuchern und einsalzen. Wir würden das als Vorsorge unter günstigen Umständen wertschätzen, auch wenn es ein gewöhnliches Mass überschreitet. Wenn Millionäre einträgliche Gelegenheiten nutzen, ihre Vorräte aufzustocken, reden wir von Gier, aber gewiss nicht von Vorsorge. Und tatsächlich lassen sich private Investoren mit beliebigen, zum Teil fragwürdigen Mitteln dazu verleiten, dass sie ihr Kapital noch einträglicher auf dem Finanzmarkt platzieren. Das gilt mitunter als Grund für Abstürze an Börsen, die immer wieder vorkommen.

Es bedeutet für Menschen Seligkeit schlechthin, wenn sie in die Lage geraten, ihre Vorräte zu mehren und zusätzlich abzusichern. Dass man sich diese Rundumbefriedigung möglichst dauerhaft organisiert, zählt zur natürlichen Grundausstattung von Menschen. Sicherheit gibt ein gutes Gefühl. Das lässt sich schwerlich im Grundsatz verurteilen. Wem wäre es zu verargen, wenn er Gelegenheiten dazu bis zur Neige ausschöpft, auch wenn diese ihm bloss zufallen?

Gier als Vorwurf führen die im Mund, denen diese Gunst vorenthalten wird.

Wenn aber Millionäre nach Milliarden trachten, fällt das Verständnis schwer. Aber auch dort ist keine Blödsinnigkeit am Werk, sondern eine Person mit Verstand, die Vergleiche zieht und zum Schluss kommt, dass ihr auf diesem Markt unter Bestbetuchten eine altvertraute Minderwertigkeit anhaftet. Das mag man herzhaft verlachen, wie jene es tun, die mit dürftigen Mitteln wirtschaften. Wie auch immer, auch bei diesen Millionären sind Überlegungen allemal im Spiel, keine Gier im brünstig blöden Sinne.

Es geht um persönliche Identität. Und das hat mit Bewusstheit zu tun. Das entschuldigt dieses Verhalten nicht, es klärt es nur.

Auch ist zu bedenken, dass mit dem Anhäufen von Vermögen auch die Verlustängste zunehmen. Eine völlig verquere Situation, die nachzuvollziehen erhebliche Mühe kostet. Neuerdings jedoch grassiert unter Milliardären die Angst, ihre gehorteten Gelder könnten über Nacht verdampfen. Also greifen sie nach Liegenschaften im grossen Stil. Sie pumpen ihr Kapital in ganze Städte und schwemmen deren Bodensatz heraus: Randständige, Wenigverdiener, Sozialfälle. Ein Vorgang, der als Gentrifizierung bekannt geworden ist. Nun buhlen die Finanzmärkte um Kleinverdiener. Damit ergibt sich eine schlüssige Formel in Bezug auf das, worum es sich bei menschlicher Gier handelt. Es ist kein blindwütiger Reflex, sondern eine unsägliche Mischung.

Nämlich Gier als Angst gepaart mit Kalkül.

Beides tritt bei Menschen immer zugleich auf. Und es verstärkt sich wechselseitig. Man mag es verwünschen und verdammen, es zählt trotzdem zu unserer Natur.