Schadenfreude gibt`s nicht. Wie bitte? Natürlich lachen die Leute über die Missgeschicke anderer. Das Netz wimmelt von Filmchen dieser Art. Die Freude aber hat nur zweitrangig mit dem Schaden zu tun. Und gewiss nicht damit, dass die Person erniedrigt wird, die ihn erleidet. Ausgenommen der Fall, dass der Schadenfrohe mit ihr eine Rechnung zu begleichen hat.

Mir fällt immer wieder auf, dass Schüler sich ungerecht behandelt fühlen, wenn man sie der Schadenfreude bezichtigt. Die Sachlage scheint eindeutig, dennoch bleibt bei ihnen ein bitterer Trotz, als hätte man sie missverstanden. Fragt man nach, wissen sie keine Antwort. Wie so oft. Sie spüren eine Ungerechtigkeit, können sie aber gedanklich nicht fassen. Das sind Momente, die aufhorchen lassen.

Gerade Situationen dieser Art, die völlig klar scheinen und selbstverständlich, wecken die Neugierde, sie anders zu sehen.

Da schadet es nicht, dass man zunächst von sich selbst ausgeht, ohne dass man den Anspruch erhebt, damit den Nagel auf den Kopf zu treffen. Dazu eine kleine Geschichte: Eine Lehrerkonferenz fand in einer Turnhalle statt. Wie immer gab es überlange Begrüssungen, anschliessend Verdankungen, die sich ebenfalls der laienhaften Redner wegen in die Länge zogen, gefolgt vom Referat einer Fachkraft, die Folie auf Folie folgen liess, bis sich unterdrücktes Gähnen breitmachte. Da huschte einer aus den Reihen, gebückt auf leisen Sohlen. In der Annahme, es sei die Tür, öffnete er beherrscht einen Holzverhau, hinter dem die Klettertaue an einer Wand versorgt waren. Ihm waren alle Blicke gefolgt. So kam es, dass die Schadenfreude auf einen Knall durch die Halle wogte. Die Person winkte amüsiert ab, eilte jedoch davon. Wie kann man diese Peinlichkeit lustig finden? Eher wäre es angebracht, Betroffenheit zu zeigen.

In diesem Moment allgemeiner Übereinstimmung ging mir auf, dass die angebliche Schadenfreude weiter nichts bedeutete, als Erleichterung darüber, dass wir in dieser Welt nicht die einzigen sind, denen solche Missgeschicke widerfahren.

Von Bosheit also keine Spur. So gesehen müssten wir uns bei Schadenfrohen bedanken, wenn sie belustigt auf uns zeigen, die wir gerade in eine Peinlichkeit verstrickt sind. Denn sie betonen eine Gemeinsamkeit zwischen uns, ja sie entblössen sich in ihrer Freude genauso, wie wir uns in unserer Verlegenheit: Die Gemeinsamkeit nämlich, dass wir Peinlichkeiten erleiden, dass wir Scham empfinden.

Und dass das allen so geht. Das beweist Schadenfreude.

Ein Fest der Verbundenheit.