Ihr hättet uns viel zu sagen. Gerade in Zeiten dieser Krise. Freundlich, aber mit Nachdruck drängt ihr darauf, dass auch wir Dunkelsichtigen erwachen. Dass wir eure Aufrufe, Erläuterungen und Anweisungen teilen, die ihr täglich verschickt. Doch wir bleiben taub. Warum ist das so?

Gerade jetzt, da man sich um gesundheitliche Abwehr kümmert, dürften eure Kenntnisse punkto alternativer Methoden von unschätzbarem Wert sein. Auch habt ihr Erklärungen zur Hand, wenn man diese ausserordentliche Lage in ihren kosmischen Zusammenhängen begreifen will. Dies sollte ebenso auf rege Nachfrage stossen. Aber das ist nicht der Fall, trotz eurer Bemühungen.

Nach meiner Einschätzung liegt es daran, dass ihr undiplomatisch seid. Was wäre besser zu machen? Erstens sollte man Ausdrücke in Sanskrit vermeiden. Damit hüllt man sich allzu leicht in Verklärung, betont unnötigerweise das Unwissen der Hörerschaft. Zweitens ist es einfach ungeschickt, wenn man sich für erwacht hält. Niemand sieht sich gerne zum Schläfer gestempelt. Im Übrigen ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet die westliche Kultur, die ihr anprangert, eben dieses Erwachen für sich in Anspruch nimmt. Personifiziert in der Figur des Illuminatus, der sein Auge der Vernunft wie ein Leuchtturm durch die Welt kreisen lässt. Die ersten Missionare haben verstanden, dass man sich auf die fremde Art, die bekehrt werden soll, erst einlassen muss, statt sie vor den Kopf zu stossen. Ich weiss, ihr wollt niemanden bekehren. Aber ein Umdenken soll dennoch geschehen. Damit man mich nicht missversteht, ich persönlich begeistere mich an einem Weltganzen, das nicht nur Kleinstteilchen, Quasare und Galaxien und Lebensformen aller Art enthält, sondern auch Lichtwesen von den Plejaden und Echsenmenschen, von denen ihr erzählt. Persönlich habe ich schon verblüffende Erfahrungen mit Tarot und Feng Shui gemacht. Auch praktiziere ich Mantrameditation seit Jahren. Ich interessiere mich genauso für Kabbala, Schamanismus und Mystiken aller Art wie für Kybernetik, Psychoanalyse und Systemtheorie. Wenn mir aber jemand per Video erklärt, es seien in den Lichtsphären rund um die Erde gerade Kriege im Gange, wobei das Böse bewältigt würde und sehr bald ein neues Zeitalter anhebt, das uns aus einer ungewissen Versklavung befreit, dann fällt mir die Entscheidung schwer, nach welcher Überzeugung ich damit verfahren soll. Esoterisch oder wissenschaftlich?

Der Wissenschaftsbetrieb wird gegenwärtig von Politik und Wettbewerb verzerrt. In erster Linie geht es auch da um Gelder. Der Physiker und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend beklagt sogar, die Wissenschaft sei rigider geworden als die Kirche zu Zeiten Galileis.

Aber er belegt, was er sagt.

Und zwar indem er Protokolle von Ausschlussverfahren von damals mit heute vergleicht. Das heisst, er führt ein Drittes herbei und ordnet es so vor meinen Augen, dass ich in die Lage komme, die letzte Schlussfolgerung eigenmächtig zu ziehen. Feyerabends Sachverhalt ist eng begrenzt, nämlich bestimmte Ausschlussverfahren zu zwei bestimmten Zeiten, während Esoteriker die gesamte kosmische Wirklichkeit in all ihren Schichtungen diesseits und jenseits der menschlichen Wahrnehmung über Jahrtausende vorwärts und rückwärts durchbuchstabieren.

Ihr Esoteriker aber redet einfach in die Kamera. Freundlich, zugegeben. Aber in diese Freundlichkeit lässt sich leicht ein Hochmut hineindeuten, der kaum zu vermeiden ist. In Worte gefasst klänge das wie folgt: Seht, ich weiss die Wahrheit, ich bin erwacht, und dennoch begegne ich euch Schläfern mit Wohlwollen. In etwa so, wie wenn ein Deutscher zu uns Schweizern sagt: Ich mag euch doch, ihr seid ja keine Konkurrenz für uns.

Zugegeben, dieser Einwand bringt einen schon zur Verzweiflung. Denn niemand kann verantworten, wie sein Wohlwollen ausgelegt wird. Problematischer ist, dass ihr völlig selbstverständlich von Dingen berichtet, die einen Alltagsverstand, wie er derzeit in nordatlantischen Breitengraden am häufigsten vorkommt, derart entgrenzen, dass er euch wegklicken muss. Oder er bricht in Gelächter aus.

Oder er übt sich in Verachtung, wie ihr es zur Genüge kennt.

Womöglich stärkt seine Ablehnung euch in eurem Sendungsbewusstsein. Überzeugung und Zurückweisung haben sich schon immer gegenseitig unheilvoll verstärkt.

Wichtig aber ist, dass ihr bei euren Erläuterungen kein Drittes beisteuert, über das man sich auf Augenhöhe verständigen könnte. Zum Beispiel klärt ihr über so genannte Portaltage auf, die übers Jahr verteilt sind. In dieser Zeit sollen die Sphären zueinander durchlässiger werden, sodass mehr Austausch stattfindet. Tatsächlich musste ich einmal feststellen, dass ich an einem solchen Zeitpunkt weitaus mehr telefonierte wie vorher und nachher nicht. Auch fasste ich Vorsätze mit Elan, die nach Ablauf der Portaltage wieder einschliefen. Ist das nun ein Beweis? Ein Drittes, das andere bestätigen? Leider nein. Niemand bestätigt meine Erfahrung, auch wenn viele Ähnliches erlebt haben.

Esoterik hat mit privaten Zugängen zur Welt zu tun. Das liegt im Wesen der Sache.

Könnte man gemeinsam an den Himmel deuten, und da einen feinen Nebel ausmachen, der immer genau dann die Erde umschliesst, wenn Portaltage dauern, hätte man ein solch drittes Datum. Ein Sachverhalt, der auftaucht, entsteht oder einfach vorliegt, ohne dass er von einer persönlichen Erfahrung abhinge. Die Wissenschaft als Einrichtung dieser Hochleistungs-versorgungsgesellschaft anerkennt keine Wahrheit, die nur privat zugänglich ist. Es gibt Gutachter und Gegengutachter und ein Sachverhalt, der als Drittes geprüft wird. Die Gutachter bestätigen oder widerlegen sich gegenseitig. Eine Welt der Kontrollen, der Sicherheit.

Bei Esoteriker fehlen leider auch die Gegengutachter. Nicht bei allen, versteht sich. Ein Medium, das ich ab und zu besuche, fragt bei mir immer nach, wie das, was sie mir offenbart, bei mir ankommt, was es auslöst. Sie meint, sie brauche diese Leitung, damit sie klarer sieht. Das gilt nicht für die Selbstzeugnisse von Esoterikern, die derzeit im Netz die Kanäle fluten. Wir hören immer nur eine Person, die spricht.

Fertig.

Offensichtlich fehlt ein klarer Begriff von dem Ausmass an blossem Vertrauen, das zu leisten uns dabei abgefordert wird.

Umgekehrt ist mir klar, dass das Leben unter Menschen niemals in der strikten Weise abläuft, wie es die Wissenschaft für ihre Labore vorschreibt. Gutachter, Gegengutachter und Sachverhalt bieten eine Sicherheit, die als Vorbild für das übrige Leben genauso viel verhindert, wie sie gewährleistet. Sicherheit gehört zu den wesentlichen Gütern unserer Hochleistungsversorgungsgesellschaft. Mir scheint, ihr Esoteriker verweigert Diplomatie, da ihr mit dieser Gesellschaft eine Rechnung offen habt.

Denn sofern ihr sie von ihren Ängsten erlösen wollt, die schrecklich sind und in die Jahrhunderte zurückreichen, so müsstet ihr euch notwendig zur Diplomatie entschliessen. Nur so würde annehmbar, was ihr zu verkünden habt.

Ebenso lässt sich jedoch einsehen, dass diese Gesellschaft ihrerseits eine Rechnung offen hat. Nämlich mit Religion.

Und jeder Religion fehlt genau das: Ein Sachverhalt, über den sich Gutachter und Gegengutachter für alle sichtbar austauschen. Stattdessen gibt es Verheissung und Verkündung aus dem Stand heraus. So rief einer aus, sein Nachbar sei mit dem Teufel im Bund, und schon schleiften sie ihn durch die Strassen. Dass das Christentum eine Kriminalgeschichte durchlief, ist zu einer gängigen Sichtweise geworden. Mein Vater wurde im Religionsunterricht mit falschen Wahrheiten abgespeist. So hiess es, bei einer Beschneidung werde dem Jungen ein kleiner Schnitt in die Stirne geritzt. Sein Vater arbeitete bei der Post als Abteilungsleiter mit gelegentlichem Sonntagsdienst. Als mein Vater vernahm, dass in die Hölle fährt, wer den Tag des Herrn zur Arbeit missbraucht, betete er nachts zu Gott, mit angezogenen Knien wie die heilige Berta, er möge seinen Vater doch bitte verschonen. Auch hier: Kein Sachverhalt, kein Gutachter, kein Gegengutachter.

Nur eine Person, die redet.

Genau wie bei euch. Und: Genau wie bei mir. Hier, jetzt. Immerhin verkünde ich nichts, sondern argumentiere für jeden nachvollziehbar. Hoffe ich doch.

Diplomatie bedeutet für viele Verrat am Eigengut. Niemand schwächt sich selbst. Auch die Wissenschaft spart mit Diplomatie der Esoterik gegenüber. Immerhin ergaben sich dort Bereiche wie die Quantenphysik oder die Lehre von der Morphogenese, die eine Art Schnittmenge von beidem erlauben. Mein Hausarzt ist Schulmediziner mit Abschlüssen in Chinesischer Medizin.

Vielleicht wächst beides zusammen. Das wäre zu hoffen.

Irgendwann. Irgendwie.