Bach Johann Sebastian Bach wurde mir immer als frommer Mensch nahegebracht, der bar jeder Eitelkeit alles zu Ehre Gottes ausführte. «Soli Deo Gloria», so lautet seine Formel. Mir scheint, darin verbirgt sich auch eine Selbstdisziplinierung voller Angst. Ein Studienkollege, ein Mathematiker, brachte mich vor Jahren darauf. Wir hörten uns immer wieder Fugen von Bach an und spielten sie stückweise. Nach gut einer halben Stunde hörte mein Kollege auf und er war zu keiner Fortsetzung zu bewegen. Das verstand ich nicht. So sassen wir in seiner Mansarde tranken Kaffee, redeten über Kant und dergleichen. Die Wohnung war immer tadellos aufgeräumt und sauber. Nach jedem Gebrauch legte mein Kollege die Deckel auf die alten Herdplatten und das Handtuch über die Stange, den Falzrücken dem Wohnraum zugewandt. Irgendwann fiel mir auf, dass er sich den Hemdkragen immer zuknöpfte.

Ein verklemmter junger Mensch, möchte man urteilen, der dringend Hilfe benötigt. Aber da täuscht man sich.

Einmal verglich er Fugen von Bach mit Milchstrassen, wo das Thema wie ein Stern aufleuchtet, wenn es sich vollendet. Eine solche Schwärmerei gönnte er sich nur für einen Augenblick. Auf die Frage, warum er strikt nur eine halbe Stunde Bach spielte, gab er geduldig Antwort:

Sollte er länger spielen, würde er sich verlieren. Mehr noch, er würde daran verbrennen.

Dabei wirkte er ernst und gesammelt, und sein Blick verlor sich. Wer dem Studenten mehr Leichtigkeit des Seins anempfiehlt, liegt falsch. Es ging nicht darum, dass er endlich den Durchbruch zu einer Lebendigkeit schaffte, die ihn beglücken sollte.

Vielmehr hielt er sie andauernd in Schach.

Selbstdisziplin also. Gewisse Leute geraten früher als andere an die Grenze des Erträglichen, wenn sie sich gehen lassen. Wenn sie ihr Herz fliessen, ihren Verstand schweifen lassen. Vielleicht finden sie schwieriger zurück als andere. Zurück zu Pflicht und Form.

Wer seine Alltäglichkeit schleifen lässt, verliert den Anschluss an andere. Das ist der Kern aller menschlichen Angst.

Auch Gefühlsausbrüche führen dazu, dass man isoliert wird. Also wird Vorsorge getroffen, und zwar intim ökonomisch, da alle sich selbst sehr gut kennen und längst Erfahrung damit haben, was für andere verträglich ist. Der zugeknöpfte Hemdkragen, die peinliche Ordnung im Haushalt, die halbe Stunde Bach.

Dies alles zeugt von der intimen Ökonomie eines Menschen mit sich selbst.

Diese Massnahmen verraten zweierlei, zum Einen nämlich, welche Gefühle hier heimlich pulsieren, zum Andern eine Umwelt, die sie empfindlich erwidert, sie nur dosiert verträgt und in Form gebracht.

Bei Bach selbst dürfte es nicht anders gewesen sein. Nach einem halben Jahrhundert schlimmster Kriege drohte seine Musik als bornierte Verrücktheit rasch in Verruf zu geraten. Man darf annehmen, dass Bach richtig einschätzte, welche Begabung ihm angeboren war. Diese Tonfolgen, zu mehrstimmigen Kanons gefügt, bei denen die Themen vorwärts wie rückwärts übereinander verlaufen, durch alle möglichen Tonarten führen, Höhen und Tiefen sowie mathematische Variationen durchlaufen und in massvollen Abschlüssen gipfeln, wie es sich für den Barock gehört. Gewaltig im damaligen Empfinden, harmlos jedoch im Vergleich zu imperialen Tonorgien aus Blech wie in der Spätromantik. Nur schon ein Hauch von Überheblichkeit aufgrund seiner Genialität hätte Bach in Teufels Krallen getrieben. Erst verführt, dann geächtet, schliesslich korrumpiert durch einen blinden Zorn auf seine Umwelt, die ihn so schlecht behandelt hätte. Ein Glück, dass ihm die natürlichen Ausfälle eines Beethoven erspart blieben. Diesem half ein bonapartisch gesinntes Umfeld. Seither wird die persönliche Urheberschaft betont. Modernen Künstlern gilt gerne ein «Soli mihi gloria».

Zu Bachs Zeit war Frömmigkeit nicht einfach als Tugend um seiner selbst willen angeraten. Genauso bot sie Schutz vor dem Aufruhr heilkler Zeitgenossen, die sich sehr leicht in ihrem Leid missverstanden fühlten.

Die Formel «Soli Deo Gloria» erklärt sich als Mantra der intimen Selbstdisziplinierung dieses beispiellosen Komponisten.

Umso mehr auch, als die erste Frau verstarb. Und sieben von dreizehn Kindern.

Bestattet im Garten.