Bastl Oft und gerne verurteilen einzelne Menschen die ganze Menschheit. Ein kurzer Rundumschlag, wo immer man sich befindet, ein paar Worte, schon ist es getan. Irrläufer sind wir, Ausbeuter, Hörige des Bösen, eine Katastrophe der Evolution. Dieses Jammern ist täglich zu vernehmen. Ich finde, davon haben wir genug gehört. Zeit für eine Versöhnung des Menschen mit seiner Gattung.

Gutmenschen sind eben unverbesserlich. Ihr Bedauern über die missliche Menschheit ist zu bedauern, denn wer so urteilt, verurteilt auch sich selbst. Offensichtlich fällt dieser Widerspruch kaum auf. Immerhin könnte er dazu anregen, eine Versöhnung überhaupt ins Auge zu fassen.

Versöhnung ist radikal. Ein Medium, das ich kenne, bietet radikale Vergebung an. Denn Versöhnung ist ohne Vergebung nicht zu haben.

Stellt man dazu Bedingungen, hat das Ganze keinen Wert. Neuerdings beschwören manche rote Linien, wenn es um moralische Belange geht. Bis hierhin und nicht weiter. Sie halten es für ihre Pflicht, da sonst bestimmte Grundwerte vor die Hunde gehen. So verweigern sie sich Gesprächen mit Nazis oder mit Terroristen. Wer rote Linien festlegt, steht jedoch einer Versöhnung im Weg. Er hält einen Krieg am Laufen.

Aber einfach so vergeben und versöhnen ist viel verlangt. Gewissen Leuten kommt es übermenschlich vor. Man muss Gründe sammeln, die eine Versöhnung nahelegen, denn vieles, wenn nicht alles, dreht sich um Schuld. Diese Gründe sollen also Schuld in einem Licht zeigen, das Versöhnung möglich macht. Mit anderen Worten: Sie sollen Schuld abmildern. Dann also zu den Gründen:

Die Wissenschaft klärt darüber auf, dass unser Gehirn im Vergleich zur Sonne auf ein Gramm gerechnet zigtausend mal mehr Energie hervorbringt. Wir sind Scheinwerfer unter der Sonne. Hat man Worte dafür? Jedem Menschen ist also ein Umgang mit einer punktuellen Ballung an Energie abverlangt, die im kosmischen Vergleich doch eher beispiellos ist.

Die Natur hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit diese geballte Energie zur Welt kommt: Das Becken der Frau ist unnatürlich verbreitert, der sexuelle Appetit des Mannes dieser Anomalie angepasst. Jeder Mensch kommt als Frühgeburt zur Welt, andernfalls brächte die Geburt die Mutter um und das Kind gleich mit. Die Natur hat die menschliche Kindheit bis zur Geschlechtsreife übermässig ausgedehnt. Geballte Intelligenz ist eben auf mehr Pflege angewiesen. Wer mehr von der Umwelt aufnimmt, bringt auch mehr zum Ausdruck. Und beides unterliegt einem Regelwerk genannt Kultur. Ausserdem ist der menschliche Kopf von Natur aus mit einem Wärmeableitungssystem bestückt, das die überschüssige Wärme ableitet. So erleiden wir keine dauerhaften Hitzschläge, die dieser Energieüberschuss zwangsläufig zur Folge hätte.

Die Natur will uns so haben, wie wir sind. Nicht wir. Ein wichtiger Punkt zur Versöhnung mit sich selbst.

Aber wir sind Sünder vor dem Herrn, mahnen die Gläubigen unter uns. In der Tat setzt Sünde persönliche Freiheit voraus. Und Freiheit bedeutet immer Wahlfreiheit. Dennoch ist es aber der Fall, dass jedem Menschen die göttliche Schöpfung aufgezwungen wurde. Niemand hat sich selbst gewählt. Also steht er für seine sündhaften Folgen nur bedingt gerade. Gläubige halten diese Einsicht für Gotteslästerung. Ein Geschöpf Gottes zu sein, verdient Dankbarkeit, aber gewiss keine Kritik. Auf solche Beschränkungen ist hier leider keine Rücksicht zu nehmen. Schliesslich geht es um Versöhnung.

Dieser Grundwiderspruch setzt sich jedoch in der modernen Rechtsprechung fort. Die Moderne hat Freiheit auf ihre Fahnen geschrieben. Eine Freiheit, die politische Bewandtnis hat, denn sie bedeutet frei von jeder Form von Diktatur. Sie gelingt nur, wenn alle Beteiligten ihr Tun und Lassen verantworten, nicht nur der Fürst und seine Entourage. Auf der Kehrseite dieser Fahne steht deswegen Haftbarkeit. Wir ziehen uns gegenseitig vor Gericht, wägen die Zurechenbarkeit ab, sprechen Schuld, verhängen Strafen. Auch hier entscheidet die Wahlfreiheit über das jeweilige Mass. Welche Wege habe ich anderen Möglichkeiten zuungunsten der Leidtragenden vorgezogen? Habe ich über Alternativen Bescheid gewusst? Wie vorsätzlich, sprich planmässig bin ich vorgegangen? Aber auch hier gilt die Wahlfreiheit nicht unbeschränkt.

Denn niemand hat sich selbst gewählt.

Anhänger des modernen Lebens wenden ein, diese Eigenwahl sei auch nicht nötig. Aus ihrer Sicht gibt die geborene Person erst die Voraussetzung für Freiheit überhaupt, sprich für Wahlfreiheit.

Das ginge, wenn wir Spielfiguren aus Holz wären. Und so scheint es auf dem grossen Schachbrett genannt moderne Rechtsprechung auch gedacht zu sein.

Wir aber bestehen aus genetisch bedingter Biologie, die feinste Abweichungen aufweist, wenn man sie unter die Lupe nimmt. Die Kultur, in der wir zufällig aufgewachsen sind, mit der wir bis zum Tod verwachsen bleiben, mögen wir auch kreuz und quer auf dem Planeten herumreisen, sie prägt unseren Blick und unser Wertschätzen, ob wir das wollen oder nicht. Die Einen sind empfindlicher als andere, sie verlieren rascher die Nerven. Andere wirken nach einem Leben voller Härten und Untiefen wie aus Stahl geschmiedet. Niemand verantwortet, wie er als Kind ernährt wurde, wie behandelt, ob er Vertrauen erfuhr oder Ablehnung. Bei Behinderung liegt der Fall klar, was die Schuldfähigkeit anbetrifft. Die Ähnlichkeiten von Fällen jedoch, die schwierig abzuwägen sind, die feinen Zwischentöne sind in dieser Sache genauso folgenreich, aber schwierig zu sortieren.

Jede Person hat sich selbst in all ihren Voraussetzungen alternativlos aufgezwungen bekommen.

Zuletzt das Böse. Oder was wir dafür halten. Es steht doch jeder Versöhnung im Weg. Dabei wird unterstellt, dass das Böse aus Sicherheit vorgeht und einen gewaltigen Spielraum gegen andere nutzt, ohne dass eine Dringlichkeit dazu bestände. Das erinnert mich an Märchen und epische Bösewichter. Denn nicht erst seit neurobiologischer Befunde weiss man, dass in jedem Bösen ein Selbsterhalt wirkt, der unter Druck steht. Nicht die Macht lässt uns bestechlich werden, sondern die Angst vor dem eigenen Untergang.

Warum auch soll der Homo sapiens aufhören, Angst zu haben? Seine Berechnungen fachen sie zusätzlich an.

Und diese Berechnungen finden keinen Schlaf, sie gründeln in der Vergangenheit, hemmen die Gegenwart und greifen linear in die Zukunft voraus, wie es gekappte Wurzelspitzen tun. Gesunde tasten sich vor, hin und her, auf und ab, während sie wachsen. Erkenntnisse befallen uns, Einsichten von einer Sekunde auf die andere. Das Räderwerk des Denkens steht nicht still.

Wie sollte es auch bei dieser geballten Energie.

Es ist die Vernunft, die Ratio, die natürliche Angst zu Paranoia auswachsen lässt. Diese Ratio aber ist uns angeboren. Ebenso die Angst, die Instinkte, bei denen wir meinen, sie seien eingeschlafen.

Vielleicht sind sie unter dem Dauerkalkül vernünftigen Denkens alarmierter denn je.