Bastl Wer hat die Wahrheit über Corona? Dem Anspruch nach alle. Dumm nur, dass es nicht die gleiche Wahrheit ist. Ich für mein Teil sehe weder Erleuchtete, noch Erwachte. Schon gar keine Wissenden, sondern bloss Gläubige. Mich selbst eingeschlossen.

Nach Descartes sollten wir für wahr halten, was wir eigenhändig überprüft haben. Nichts anderes sonst. Dabei ist niemand in der Lage, die öffentlichen Fallzahlen zu kontrollieren. Wir vertrauen darauf, dass genau unterschieden wird, ob jemand an dem Virus oder mit ihm gestorben ist. Wer Verschwörungstheorien anhängt, sieht in dieser amtlichen Ungenauigkeit, wie sie zu Beginn der Krise der Fall war, einen Beleg dafür, dass hier verdeckte Absichten im Spiel sind. Sie befürchten eine Weltherrschaft und so fort, man kennt es mittlerweile. Wer wie sie öffentlichen Verlautbarungen misstraut, beklagt unter anderem die Sterblichkeit nach Impfkampagnen in Afrika, gestiftet von Bill Gates. Aber auch da wird auf die nämliche Unterscheidung vertraut: Gestorben an der Impfung oder mit ihr.

Diese Gläubigkeit besteht in allen Lagern, die in Sachen Corona Wahrheit behaupten. Aber es gibt keine Beweise für uns, ob wir der Öffentlichkeit folgen oder anderweitigen Verlautbarungen.

Wir sind Gläubige. Oder Überzeugte.

Nietzsche fand Überzeugung gleichwertig mit Lüge. Das klingt, wie immer bei ihm, von Herzen giftig und bissig, aber auch ohne jegliche Achtung gegenüber Menschen, die an der Welt verzweifeln. Denn Nietzsche gibt keine Mittel an die Hand, wie man Überzeugungen loswird. Wahrscheinlich müsste man dazu sein gesamtes Leben umkrempeln. Und das wäre aus intim ökonomischen Gründen schlicht unzulässig, einerlei, welcher Wahrheit wir anhängen.

Da es für niemanden Beweise gibt, besteht keine Not, dass wir Vertreter anderer Überzeugung als Schläfer oder Spinner aburteilen. Alle Menschen sind wach, so meine Ansicht. Sie befolgen lediglich andere Gründe. Und das hat mit der Geschichte ihres Lebens zu tun.

Was aber ist eigentlich ein Beweis? Gemäss dem Mathematiker Ian Stewart eine Geschichte, die aufgeht. Dann aber verfügen alle über Beweise. Wer Gottes Wirken für Tatsache hält, sieht in einem Dornbusch, der in Flammen steht und doch unversehrt bleibt, keinerlei Widersinn. Viele wiegen sich auch deshalb sicher in ihrer Anmassung, über die Wahrheit zu verfügen, da eine schlagende Mehrheit ihre Ansichten teilt. Aber das war auch damals der Fall, als für alle Christen unumstösslich galt, die Mutter Gottes hätte, trotzdem sie gebar, ihre Jungfräulichkeit behalten.

Eine Mehrheit garantiert keine Wahrheit. Erst der Beweis liefert sie, unabhängig von der Anzahl Beteiligter.

Und was ist Wahrheit? Diese biblische Frage kennt verschiedene Antworten. Leicht verändert lautet sie: Wann ist Wahrheit der Fall? Was in der Religion und in der Rechtssprechung Wahrheit bedeutet, nennt die Wissenschaft Faktum oder Tatsache. Der Bausatz, der zur Ermittlung von Wahrheit nötig ist, besteht aus drei Stücken: Aus einem Sachverhalt, einem Gutachter, der ihn beschreibt, sowie einem Gegengutachter, der die Beschreibung bestätigt. Schon hier ergibt sich eine Schwierigkeit, die seit je die abendländische Philosophie umtreibt. Denn es gibt für uns keinen Sachverhalt ohne Beschreibung. Wenn der Gutachter den Sachverhalt prüft, liefert er eine Beschreibung ab. Das gilt auch dann, wenn er Daten nennt, denn Daten machen nur in einem Zusammenhang Sinn, der seinerseits einer Beschreibung unterliegt, wenn man sich darüber verständigt. Diese Beschreibung wäre dann die Deutung von Daten. Erst kommt die Beschreibung, darauf folgt ihre Deutung. Das betrifft auch harte Naturwissenschaft. Etwa so: Das Lakmuspapier verfärbt sich violett. Also ist der Stoff basisch, den es misst. Dabei vertraue ich darauf, was in der Wissenschaft über das Lakmuspapier gesagt wird. Überprüfen kann ich es nicht. Auch ein Physiker vertraut den Geräten, die er benutzt, und den Ingenieuren, die sie für ihn warten. Der Wissenschaftler sagt natürlich, er habe gute Gründe für dieses Vertrauen. Ein entscheidender Punkt, wenn es um Respekt in Zeiten von Corona geht.

Denn gute Gründe für Vertrauen haben schlicht und ergreifend alle Menschen.

In jeder erdenklichen Lebenslage.

Ob es nun Esoteriker sind oder Wissenschaftler, Reichsbürger oder sonst wer. Naturwissenschaftler mögen sich auf ihre Härte viel einbilden, aber auch sie vertrauen gewissen Tatsachen, die sie ungeprüft aus anderen Fachbereichen übernehmen. Im Alltag neigen sie zu betonter Skepsis. Wenn ihre Daten jedoch Sprünge machen, missachten sie sie bewusst, denn die Natur mache keine Sprünge, so ihre Rechtfertigung. Demnach kann es nur an einem Gerätefehler liegen, dass es zu solchen Ausreissern kommt. Diese Haltung jedoch ist kein Wissen, sondern ein Glaube. Eine Überzeugung. Überprüfen können sie es jedenfalls nicht.

Wer weiss, vielleicht macht sie Sprünge, die Natur.

Ein Skeptiker bringt manche Leute, die begeistert oder angewidert ihre Wahrheiten ausposaunen, nur deshalb in Verlegenheit, da bei ihm zunächst verdeckt bleibt, dass letztlich auch er einer Grundlage vertraut. Es ist einfach eine andere.

Und Vertrauen geschieht wesensgemäss blind. Man muss es als kulturelle Leistung begreifen. Denn ohne Vertrauen würde gar nichts geschehen.

Nur die Bestätigung Anderer erhebt also einen Sachverhalt zu so etwas wie Wahrheit. Der Sachverhalt an sich bleibt jedoch für uns ohne Beschreibung unzugänglich. Einzig in technischen Dingen erleben wir Erfolge, ohne dass wir Worte dafür benutzen. Zum Beispiel die Erfahrung zunehmender Geschwindigkeit, nachdem bestimmte Massnahmen durchgeführt wurden. Diese Erfolge jedoch teilen wir auch nur in einer Beschreibung mit, die andere für zutreffend bestätigen.

Um die Beweiskraft ist es in Sachen Corona herzlich schlecht bestellt, zumal es sich beim Umgang mit dem Virus um einen offenen wissenschaftlichen Prozess handelt. Wir bekommen alle Berichtigungen mit, sind selbst betroffen davon, indem die Ämter ihre Schutzmassnahmen neuen Kenntnissen anpassen. Zu welchem Zeitpunkt in diesem Prozess also soll Wahrheit der Fall sein? Wer würde das entscheiden? Wenn ich mir zudem die globalen Verwicklungen vor Augen führe, die wirtschaftliche Verflechtungen und die staatlichen Korrekturen, die ihnen anhaften, die Kapitalflüsse, das ganze Netzwerk an Verträgen und Vertragsbrüchen, die Abermillionen von Kompromissen, die man öffentlich oder unter der Hand eingeht, die unzähligen Deutungen und ganzen Deutungswelten, die den gleichen Sachverhalt völlig anders bewerten, dazu all die Ereignisse mit planetarischer Wirkung, die in Unklarheit verlaufen, je genauer sie unter die Lupe kommen, wenn ich mir also all diese Verwerfungen vorstelle, desto eher kommen mir Zweifel, ob so etwas wie Wahrheit darin überhaupt möglich ist. Und zwar für irgendjemanden. Keine Ahnung, welcher Blick, welche Beschreibung diese gigantische Gesamttatsache erfassen soll.

Selbst einem Bill Gates oder den Bilderbergern oder den Nachfahren der Rockefeller fehlt das Auge Saurons.

Auch sie leisten Vertrauen.

Das Problem, das zu Konflikten führt, liegt darin, dass viele Leute ihre eigene blinde Vertrauensleistung übersehen. Im Gegenteil halten sie sich für erwacht, während wir Übrigen weiterschlummern oder uns Einsichten verweigern, die doch für offenkundig gelten. Wer in Sachen Corona unumstössliche Wahrheiten verkündet, stützt sich auf zahllose Puzzleteile ab, die in ebenso zahllosen Recherchen von ganzen Gruppen zusammengetragen werden. Die Sammlung beeindruckt sie derart, dass Zufall ausgeschlossen ist. Allerdings gibt es kein Puzzle ohne Vorlage. Zum Einen haben sie keine Rechtfertigung dafür, wer die Vorlage des Puzzles verantwortet, auf das sie sich berufen. Zum Andern liefert kein einziges Teilchen irgend einen Beweis. Jedes für sich genommen bietet höchstens gleichläufige Daten, so genannte Korrelationen, die keine Aussagen über einen ursächlichen Zusammenhang erlauben.  Von der Leyen besucht eine Sitzung der Bilderberger, anschliessend wird sie zur Chefin der europäischen Exekutive ernannt. Für viele liegt hier ein ursächlicher Zusammenhang vor: Die Politikerin wurde nur deshalb gewählt, weil sie die Bilderberger wohl für geeignet befanden. Der Sachverhalt zeigt diesen Zusammenhang aber nicht. Oder wo immer die Gates Stiftung auftaucht, gelten die jeweiligen Gremien sofort als ihre Marionetten. Auch dieser Zusammenhang beruht von aussen betrachtet auf blosser Unterstellung.

Die Häufung solcher Korrelationen jedoch unterfüttert das Engagement von Gegnern der öffentlichen Erklärungen zu Corona. Sie melden an, das könne unmöglich auf Zufall beruhen.

Und das ist weiter nichts als gesunder Menschenverstand.

Ein Beweis liegt dann vor, wenn für uns klar wird, dass eine bestimmte Korrelation unmöglich auf Zufall beruht, sondern unbedingt ursächlich zusammenhängt. Die Häufung von Sternen rund um den Planeten Erde während ihrer Rotation in der Orion-Gruppe durch die Milchstrasse korreliert genau in umgekehrtem Verhältnis mit der Konzentration von Kohlendioxid in den Böden: Je weniger Sterne, desto höher die Konzentration, also desto heisser das Klima, da die Sonne unbeschränkt Einfluss nimmt. Wenn über Jahrhunderte diese Daten sich derart genau zueinander verhalten, fällt uns der Glaube an einen Zufall sehr schwer.

Ein weiterer Grund für Respekt in Zeiten von Corona.

Im Übrigen fehlt die Beweiskraft in Belangen, die für uns trotzdem unumstösslich wahr sind. Zum Beispiel kann niemand meine Sterblichkeit beweisen. Wir wissen nur, dass alle bisherigen Menschen gestorben sind. Bewiesen ist der persönliche Tod nur, wenn Beteiligte auf den Leichnam deuten und sich gegenseitig bestätigen: Ja, so verhält es sich. Seht hier die Sterblichkeit dieses einen Menschen. Was meine Sterblichkeit anbetrifft, gibt es freilich Anzeichen zur Genüge: Erste Schmerzen in den Füssen, faltige Haut, veränderter Schweissgeruch.

Solche Anzeichen sind in Sachen Corona überall greifbar. Für jede Wahrheit, die verfochten wird.

Punkto Corona empfiehlt sich daher eine agnostische Einstellung. Demnach warten wir einfach ab, bis sich Beweise einstellen, sei es in die eine oder in die andere Richtung. Das kann Jahre dauern. Diese Haltung jedoch leistet genau das, was Nietzsches Angriffslust vermeidet. Nämlich die Menschen zu respektieren, die nicht anders können, als einer Überzeugung anzuhängen, die in ihrem Leben herangewachsen ist. Sie sind mit ihr wie verwachsen.

Und das gilt für uns alle.