Bastl Letzthin war ich zu einem Jubiläum eingeladen. Die Grosstante meiner Partnerin feierte ihren Hundersten. Mein Erscheinen sorgte für Unmut, da ich für diesen Anlass zu sommerlich gekleidet war. Erst später würde mir Genugtuung widerfahren.

Strandlatschen an den Füssen und ein Hemd von der Stange. Die meisten der Gäste waren in Krawatte oder Blazer mit Stöckelschuhen, manche sogar in Feiertagstrachten erschienen. Mein Auftritt zeigte wenig Achtung vor der Vergangenheit, aus der alle Vorzüge hervorgingen, die wir heute unverdient geniessen. Die Ortsmusik spielte auf, mit viel Blech und in Uniform. Reden wurden gehalten, angeblich mit Übertragung im Radio, bürgerlicher Kanal. Die Jubilarin hing in ihrem Rollstuhl. Wie bei Greisen üblich blieben ihre Gesichtszüge ohne Aussage. Meine Bemühung, mich zu verstecken, wurde dadurch vereitelt, dass Moongrils Kleine mich bat, sie mit Blumen und Sprüchlein zur Jubilarin zu begleiten. So stellten wir uns in die Reihe der Gratulanten, und indem wir Schritt für Schritt näherkamen, wurde mir klar, dass die Grosstante unentwegt am Schimpfen war.

Zwar weckte die Kleine in ihrem Gesicht flüchtige Aufhellung. Jemand ordnete das Mädchen familiär ein. Die Jubilarin nickte ohne Unterlass. Ob sie verstand, war nicht auszumachen. Wenige Augenblicke später wurde ich am Rand des Geschehens Zeuge eines Gesprächs, das für mich aufschlussreich war. Es hiess, die Jubilarin sei schon längst allem überdrüssig. Sie wolle nur noch schlafen und nicht mehr aufwachen. Der Anlass, den man ihr zu Ehren ausrichtete, habe ihr keine Freude bereitet. Viel Überzeugungsarbeit sei nötig gewesen. So empörte man sich über Zwang und Nötigung in diesem Fall. Es folgte Betroffenheit mit Kopfschütteln. Dennoch liess man sich Weisswein nachschenken. Ginge es nach der Jubilarin, war ich also passend gekleidet in dem Sinne, dass es ihr gleichgültig sein dürfte.

Traditionen sind eine Geschichte für sich. Ihre Regeln sollen Halt geben. Das gelingt aber nur, wenn alle sich einpassen. Wer abweicht, stellt diese Klarheit insgesamt in Frage. So kommt es zu Nötigung.

Das Gemeinwesen ist eben  wichtiger als sein einzelnes Mitglied.

Das Tragische an Traditionen liegt darin, dass sie, sobald sie gewisse Beteiligte zur Gefolgschaft zwingen, ihr Verschwinden beschleunigen.

Das gilt neuerdings nicht nur für Heranwachsende als Adressaten dieser Nötigung, sondern auch für Jubilaren, die vom Leben erschöpft sind.