Bastl Neuerdings werden rote Linien gezogen. Das heisst, wer bestimmte Werte ablehnt, scheidet als Gesprächspartner aus. Diese Linien richten sich besonders gegen Faschisten. Ihr Hass gilt als Tabu für jeden weiteren Austausch. Für mich ist alles Menschliche Gesprächspartner. Daher setze ich mich für eine ungewohnte Lesart von Hass ein.

Verkannt wird, dass rote Linien alles andere als friedfertig sind. Manche rufen heute dazu auf, da sie der Überzeugung sind, unsere Werte würden untergehen. Tatsächlich gehen sie vergessen, da im Leben laufend der Schwerpunkt verschoben wird. Andererseits tauchen sie immer wieder auf.

In der Neuveröffentlichung eines Seminars von C. G. Jung fällt fast nebenbei eine Bemerkung über Hass, die mir grundlegend erscheint. Im Gegensatz zur Ansicht von Weltverbesserern, für die Hass ein Tabu darstellt, gehört er mit zum Leben.

Man muss nur seine Kehrseite verstehen.

Nach Jung haben wir Menschen einen natürlichen Trieb zur Verselbstigung. Zur Individuation. Das gilt für alles, das lebt. Das Leben tritt überall individuell auf. Wir möchten also genau die Einzelperson werden, die wir sind. Wenn man unbedarft danach fragt, also mit einem Glas Weinbrand in Fingern, was das persönlich Eigene sei, das jemand für sich in Anspruch nimmt, ist das schwierig zu umreissen. Persönliche Vorlieben scheinen zu oberflächlich. Auch alles, was mit Lifestyle zusammenhängt, ob man Feng Shui bevorzugt oder nicht, wurzelt selten bis nie in dem, was Jung die persönliche Individuation einer Person nennt. Die Sache ist ernster. Man denkt an die Werte, die wir vertreten. In unserer friedfertigen Wohlstandsgesellschaft, wie sie sich zumindest selbst begreift, wissen wir allerdings kaum, welche Werte wir im Notfall vorziehen und welche wir dann unterordnen würden. Denn Notfälle gibt es kaum. Doch gerade ist diesen Augenblicken wäre das Eigene mit Händen zu greifen. Wie auf der Flucht, wie im Krieg. Ist Altruismus wirklich mein Wert, wenn Schiffbrüchige mein Boot umzingeln? Bin ich wirklich kein Rassist, wenn mich ein mulmiges Gefühl befällt, als ein Arzt aus Gana meine Blutung stillt? Wäre ich wirklich ein Hedonist ohne all die Möglichkeiten modernen Lebens?

Bei Vielem könnte ich behaupten, dass es meine persönliche Wesensart befriedigt: Malen, Zeichnen, Schreiben, Klavierspielen, Fotos bearbeiten. Aber bei keinem dieser Freizeitbeschäftigungen ist mir im Verlaufe meines ganzen halben Lebens klar geworden, ob ich notfalls darauf verzichten könnte. Nur dort, wo der Verlust einen tiefen Hader weckt, zeigt sich meine Individuation als bedroht oder in Frage gestellt.

Wenn ich Jung richtig verstehe, sind wir Menschen derart ineinander verstrickt, dass das Eigene, wenn es unter Druck gerät, sich nötigenfalls nur dadurch rettet, dass es anfängt, das Andere, das es bedrängt, zu hassen.

Demnach ist Hass ein Übergriff, der nur in zweiter Hinsicht zu verurteilen wäre. Primär, was seine Kehrseite anbetrifft, handelt es sich um etwas Lebendiges, das sich verteidigt.

Jede Gewalt, so die Neurobiologie, wird in Gehirnzonen lesbar, die für Verteidigung stehen. Das entschuldigt keine Übergriffe, macht sie jedoch verständlich. Wenn sie drohen, wenn sie dann geschehen, zeigen sie die Dringlichkeit an, in der ein Impuls seinem Erlöschen zuvorkommt.

Die Natur scheint Einflüsse beliebig zu streuen. Genauso sorgt sie für eine Intimität, die sich notfalls davon abschottet.

Der einzige bescheidene Vorteil liegt darin, dass der Hass in seiner Vernichtung den Weg zum Eigenen verlässlich weist, das sonst eher verschwommen geblieben ist. Wer von Hass auf andere gequält wird, braucht sich mit den Bedrängern gar nicht erst zu beschäftigen. Für ihn gilt die Frage, was das Eigene ist, das sich wie aus Atemnot Freiräume erkämpft.

Und wenn ganze Volksgruppen im Hass sich finden, gilt es, nach dem Eigenen zu fragen, das sie bedroht sehen, statt sich dem Gespräch mit ihnen zu verweigern.

Jedes Volk, jede Kultur hat ein besonderes Licht in einem Lampengehäuse aus Stahl.

Sogar die liebenswürdige Elfenkönigin Galadriel fährt in der Begegnung mit einem nur mässig erstarkten Sauron ihre Krallen aus.

Hass bedeutet Kraft zur Vernichtung des Gegners. Das wäre die eine Seite von Hass. Ebenso steht er für Schutz und Sicherung der Individuation. Die Kehrseite also.

So gesehen wäre eine Welt ohne Hass genauso faschistisch.

Und das Leben lässt munter Gegnerschaften aufeinander los.