Über drei Stunden Maske tragen im Zug, ohne Pause, das hatte ich zunächst unterschätzt. Bisher genoss ich Erlösung spätestens nach einer Viertelstunde. Diese Prüfung bestand ich erst nach einer kleinen Höllenfahrt. Um da herauszukommen, war viel Gedankenarbeit erforderlich.
Mein Start war auch besonders erschwert. Den Stofflappen, den ich nutze, hatte ich in der Beintasche meiner Sommerhose vergessen, mit der ich im Rhein geschwommen war. Das feuchte Tuch legte sich auf Mund und Nase, sodass mich die Panik befiel, ich würde eine Art Waterboarding erleiden. Mein Atem saugte den Stoff förmlich an, sodass die Luftzuhr gänzlich unterbrochen wurde. Sicher verbietet sich ein Vergleich dieser blamablen Störung mit der Hölle dieser Foltertechnik. Immerhin kam ich so in die Lage, dass ich ihre Tragweite einigermassen abschätze.

Schon sah ich mich die Maske wegreissen, wohlwissend, dass ich mich nie in diese Situation würde schicken können, wenn ich anfinge, mich davon zu entlasten. Mit geschlossenen Augen stellte ich mir Menschen vor, die weltweit zur Gewohnheit genötigt waren, täglich für mehrere Stunden einen Mundschutz zu tragen. Und noch Vieles mehr, wie in der Pflege. Diese Leute würden ihren Alltag kaum bestehen, wenn sie sich, wie ich jetzt, andauernd das Ende dieses Zustandes herbeisehnten.

Man muss sich in solche Belange einfinden können. Die Störung ist möglichst schnell in die eigene Gewohnheit einzubauen. Man muss sie sozusagen von alltäglicher Klarheit umhüllen. Ein seltsames Bild, aber es fällt mir so ein. Wie eine Lebensform, die einen Fremdkörper matt setzt, indem sie ihn in sich aufnimmt.

Die Krise hob erneut an, als ich sah, dass wir erst ein paar Stationen weit gekommen waren. Da beschloss ich, mich vorsätzlich zu entspannen, mittels Meditation. Das gelang nur bedingt. Ich zwinkerte mit den Augen und sah andere Passanten mit Maske unterwegs sein. Die Einsicht, dass ich wie alle nur eine Pflicht wahrnahm, half mit zu dieser Beruhigung. Ein interessanter Wandel. Erst fühlt man sich intim belastet. Der Blick auf Andere, mit denen ich als Mensch überlebe, sofern ich Anschluss an sie behalte, lindert diese Bürde beträchtlich.

Wir fühlen uns auch so aufgehoben.

Der Blick aufs Ganze, auf Grösseres gewiss, macht die alltägliche Enge erträglich. Das ist eine menschliche Eigenart, die Religionen immer wieder neu belebt.

Und genau zur rechten Zeit fiel mir eine Erinnerung ein, die mir in dieser Sache weiterhalf: Vor Jahren als Seminarist lernte ich im Schulfach Bewegungsimprovisation, wie man sich auf drei Tennisbällen legt, einen im Kreuz, die anderen je in einer Schulter. In dieser Lage liess man Zeit verstreichen, sodass der anfängliche Schmerz sich unmerklich in einen wohligen Zustand verwandelte. Laut Anweisung sanken wir in diese Bälle hinein, wir verwuchsen förmlich mit ihnen, bis wir wohlig dalagen.

Es ist tatsächlich ein Fallen im Spiel, das schwer zu beschreiben ist. Man gibt sich dieser Lage hin, sinkt in sie hinein, bis sie zur zweiten Haut wird. So dämmert man etwas dahin. Beschwerlich sind die feinen Momente, in denen ein Schub Bewusstsein die Schläfrigkeit verdrängt. Eine Art Rückfall in die Krise. Aber es gibt weitere Methoden wie diese Bälle: In Griechenland im Sommer huschte ich erst von Schatten zu Schatten, damit ich die Hitze ertrug. Irgendwann kam mir das lächerlich vor. Auf den Bus wartend fiel mein Blick auf eine Königskerze, die prachtvoll in der Sonne erhoben stand. Diesen Gleichmut nahm ich auf. Ich beschloss, dass ich mich genau wie sie der Hitze einfach ergebe.

Auch lindert man eine Belastung am Körper dadurch, dass man die Erinnerung an ein Gefühl der Entspannung oder Heilung, wenn es im vormaligen Schmerzbereich nun angenehm juckt und zieht, auf eben diese Stelle richtet. Das Gefühl, das diese Belastung wachruft, wird mit dieser Erinnerung sozusagen durchmischt. Kurz gesagt entspannt man willentlich an eben genau dieser leiden Stelle, bei mir nun der Mundbereich mit dem lästigen Tuch, indem man allgemein gesagt sich eben in diesen Bereich fallen lässt. Oder ich stelle mir vor, wie der Bereich sich verflüssigt und zu Licht wird. Für diese intime Arbeit eignen sich am besten Erinnerungen an orgasmische Empfindungen, wie sich wohl von selbst versteht. Oder man stellt sich einen Schaum kichernder Lachgesichter vor, den man dort in Gedanken zur Heilung aufträgt.

Diese Einsichten setzte sich sogleich um. Und wie ich allmählich in mich einsank, stellte ich fest, dass mein Mundschutz langsam trocknete und zunehmend erträglich wurde.

Irgendwann schlief ich ein.