Bastl Erwachsene verändern sich. Wie alles. Eine Schulleiterin, die sich ungewöhnlich lange im Amt hält, meinte zu mir, seit wenigen Jahren seien Eltern kritischer geworden. Und zwar aus Unsicherheit, wie sie mutmasst. Ich horche auf. Denn diese Eltern sind genau so alt wie ich.

Eigentlich liegt die Sache klar: Erziehung hat ihre Linie verloren. Früher entlastete eine allgemeine Stossrichtung davon, dass man seine Massnahmen vor den Heranwachsenden zu rechtfertigen hatte. Das Beispiel ist landauf landab bekannt: Eine Ohrfeige in der Schule zog eine Ohrfeige zu Hause nach sich. Die heutige Gesellschaft verweigert diesen Dienst. Die Postmoderne hat sich durchgesetzt. Es gelten viele Ansichten. Dafür und Dawider. Und umgekehrt. Zwar ist Meinungsvielfalt mittlerweile ist Verruf geraten, obgleich das Anliegen der Postmoderne nach zwei Weltkriegen und einem Kalten Krieg auf der Hand liegt. Aber man liegt im Streit. Die Anerkennung fehlt, es könnten verschiedene Methoden gleichermassen zielführend sein.

Das hat zur Folge, dass Eltern völlig auf sich gestellt sind, wenn es darum geht, das eigene Vorgehen zu erläutern. Früher oder später gehen dir die Argumente aus. Und du befiehlst wie früher. Aber das klappt nicht mehr. Die Kiz fordern unverhohlen Gründe ein. Und das zu Recht, da wir ja auch sonst alles besprechen und ausdiskutieren. Unser jämmerliche Vergleich mit früher, wie wir es erlebten, soll die Kinder zu Bescheidenheit nötigen. Aber auch das klappt nie. Unsere Grosseltern redeten so, als sie sich wohl oder übel in den Lauf der Zeit fügten, der sie überholte. Ebenso unsere Eltern. Nun sind wir es, die eine Vergangenheit beschwören, damit die Gegenwart im Lot bleibt. Und genau wie wir damals lassen sich auch die Zöglinge von heute davon kaum beeindrucken. Wie könnten sie auch. Die Dringlichkeiten von früher sind längst verschwunden.

Und im Gegensatz zu uns leben sie in einer Welt von morgen.

Erwachsene zu verstehen, in heutiger Zeit, das bedeutet also, dass man die Überforderung einsieht, die eigene Erziehung glaubhaft zu machen. Und zwar in ihren Grundsätzen, nicht nur von der Hand in den Mund oder von Tag zu Tag.

Erwachsene allgemein zu verstehen, das heisst, zur Kenntnis nehmen, dass sie sich in ihrem Kind wie in einem Spiegel wiedererkennen. Nicht das Äussere, das lästig genug fallen kann. Ebenso geht es um persönliche Eigenarten, mit denen Vater oder Mutter noch heute an sich selbst mehr schlecht als recht klarkommen. Nun müssen sie gewahr werden, dass das Kind keine Probleme damit hat. Es nimmt den Mangel gar nicht wahr. Notfalls schliesst es sich im Netz Gleichgesinnten an.

Je nach Fall trifft es zu, dass Eltern auf die Verantwortungslosigkeit ihrer Kinder neidisch sind.

Meine Generation erachtet Selbstentfaltung nahezu als Grundrecht. Schliesslich sind wir, wie Adelige früher, als Erste auf dem Sofa gross geworden. Hingabe an das Kind bedeutet folglich, dass man ein Opfer bringt, das vor keinem religiösen Bildstock, auch in keiner Ansprache zum Nationalfeiertag Würdigung erfährt. Eltern geben Freizeit auf. So einfach und peinlich ist das. Das stimmt mürrisch.

Ein Pendlerblatt hat kürzlich mit einem Tabu aufgeräumt, indem es von Müttern berichtete, die ihr Kind hassen, da es ihnen allen Freiraum nimmt. Was hält man davon?

Und auch wir stimmen in die Kritik ein, dass die heutige Jugend mit den neusten Möglichkeiten, die uns noch verwehrt waren, nur Blödsinn anstellt. Die Erinnerung an unsere eigene Kindlichkeit scheint uns abhandengekommen. Ein Fehler erster Güte. Denn wir verfuhren mit den Vorzügen unserer Zeit keinesfalls umsichtiger oder zukunftsbewusster als die Kiz von heute. Die gleiche Vergesslichkeit enttäuscht Erwachsene im Bestreben, es besser zu tun, wenn sie übersehen, dass Generationen etwas Eigenes brauchen. Vor Jahren schenkte ich meinem Patenjungen einen Schulranzen. Zu meinem Missvergnügen wählte der Bub ganz gewiss keinen mit Fellbezug. Darin blieb er ernst und unbeirrbar, da keiner sonst seiner Klasse einen solchen Ranzen besass. An diesem Beispiel zeigt sich eine Grundregel, eher ein Naturgesetz, das Erwachsene ebenfalls oft missachten. Oder sie kennen sie nicht:

Die besten Erzieher nämlich, das heisst die wirksamsten, das sind immer die Gleichalterigen. Das gilt für Kinder wie für Erwachsene gleichermassen.

Und wie sieht es bei der jüngeren Generationen aus? Wenn ich mich umsehe, immerhin überblicke ich sechzehn Jahrgänge Mediamatiker ab 2002, gewärtige ich wenig Willen zur Fortpflanzung. Von Babyboom keine Spur. Freizeit erscheint selbstverständlich als erste Aufgabe persönlicher Existenz. Bei aller Souveränität dieser jungen Leute frage ich mich, wie sie sich auf Lebenszeit binden wollen.

Zum Beispiel an ein Kind.

Vielleicht gehören sie zu den Ursachen, die dazu führen, dass eine erschöpfte Leistungsgesellschaft allmählich erlischt.

Das wäre jedoch kein Weltuntergang. Im Gegenteil. Die Inder unterscheiden drei Naturkräfte: Antrieb, Festigung und Auflösung. Dabei ist zu bedenken, dass die Auflösung neuen Antrieb weckt.

Das heisst, es kommt immer Neues.

Sicher aber Anderes.