Es sind viele Fronten, die unsere friedliche Wohlstandsgesellschaft durchziehen. Zum Beispiel jene zwischen Materialisten und Spiritualisten. Das Leben hat mich auf beide Seiten geführt. Mal hier, mal da.

Bei den Materialisten handelt es sich unter anderem um Wissenschaftler. Für sie lässt sich alles, was es gibt, darauf zurückführen, dass das All aus zittrigen Kleinstteilchen besteht. Das gilt auch für unsere schwierige Lebendigkeit. Privat denken diese Leute nur bedingt so, aber öffentlich geben sie dem Spiritualismus keinen Meter preis. Nach Jahrhunderten der Missbräuche im Namen Gottes sehen sie sich dazu verpflichtet.

Spiritualisten zeigen sich um kein Haar weniger kämpferisch. Sie nehmen fernöstliches Benehmen an, labern unverständliches Sanskrit, was leicht vor den Kopf stösst. Sie misstrauen den Versorgungssystemen, die heutzutage nach Jahrhunderten von Hunger und Siechtum hochwirksam ablaufen. Überall sehen sie nur Gier am Werk. Sie nehmen für sich in Anspruch, erwacht zu sein, während die übrige Gesellschaft dumpfblöde vor sich hindämmert. Eindeutig die besseren Menschen, möchte man meinen. Natürlich handeln sie aus guten Gründen. Dennoch gewinnt man den Eindruck, sie hätten mit der Leistungsgesellschaft eine persönliche Rechnung zu begleichen.

Gute Gründe sind immer im Spiel. Hüben wie drüben. Ich unterstelle niemanden, sein Anliegen sei aus der Luft gegriffen. Jedes Anliegen hat mit Gründen zu tun, und die Gründe mit der Welt, in der wir leben. Nur unsere Betroffenheiten sind ungleich sowie unsere Lebensgeschichten. Daher gehen auch unsere Interessen auseinander. Das wäre schlichte Soziologie, jedoch bleiben solche Einsichten im Alltag ohne Wirkung. Man fragt sich, weshalb die Gesellschaft Gelder für dieses Wissen ausgibt, wenn es die meisten Menschen gar nicht erreicht.

Für mich ist es mittlerweile interessant geworden, diese Front zu glätten, indem ich Themen verfolge, die gleichsam eine Schnittmenge zwischen Materialismus und Spiritualismus bilden. Zum Beispiel die schlichte Kenntnisnahme einer wissenschaftlichen Vermutung oder gar eines Befundes, wonach Materie gebremstes Licht sei. Demnach handelt es sich um ein und dieselbe kosmische Sache unter verschiedenen Bedingungen.

Eine weitere thematische Schnittmenge ist eine vedische Mantrameditation, bei der man die Silben nicht singt, sondern bloss denkt. Eine Technik somit, die von hohem Alter ist, an die zwei Jahrtausende. Die Wirkung jedoch ist verblüffend materialistisch. Besser gesagt ist sie von einem feinsten Physikalismus. Denn bei wiederholtem Denken der Silben verbreitet sich im Rücken eine Entspannung, die in Schüben nach unten sinkt. Das Gefühl lässt sich bildhaft mit Geröll vergleichen, das zuvor eng verkantet das Rückenmark verstopft hat und nun ins Gleiten gerät. Leider ist die Sache keineswegs spirituell, sondern rein mechanisch. Für Materialisten unter uns mag es Vertrauen schaffen, dass bei diesen Vorgängen die Hirnströme Messungen zugänglich sind. Die Testperson mag den Moment beliebig verzögern und dann bekannt geben, ab wann sie das Mantra zu denken anfängt. Dieser Ablauf wird sich grafisch niederschlagen. Ein grober Materialist wird auch dieser Sache blosse Einbildung vorwerfen. Dagegen spricht die Tatsache, dass das Mantra mitunter auf sich warten lässt. Es kann sofort wirken oder erst, nachdem es schon drei bis vier Mal gedacht wurde. Meditierende stossen den Prozess an, wann immer sie wollen, indem sie die Silben denken. Auf ihre Wirkung haben sie hingegen keinerlei Einfluss.

Auch wenn es gegen die vedische Unterweisung spricht, habe ich gelernt, das Mantra in unterschiedlicher Weise, sagen wir sogar in verspielten Abwandlungen zu denken. Normalerweise vollziehe ich es in Kopf, als würde ich es sprechen. Das ist naheliegend. Im besten Fall, so die Regel, will es absichtslos angedacht sein, sodass es wie alles Natürliche eher geschieht als bewusst herbeigeführt. Ein beliebtes Bild dazu gibt das Wölkchen ab, das unerwartet am blanken Himmel auftaucht.

Eine dieser spielerischen Abarten bestand darin, dass ich mich vom Mantra anbrüllen liess. Die Wirkung setzte abrupt ein. Ein anderes Mal liess ich es wie von vielen Vögeln zwitschern, die in meinem Kopf kreisten. Ihr Gezwitscher stellte ich mir mühelos wie Fugen übereinander gelegt vor. Die körperliche Entspannung setzte zögerlich ein, rieselte jedoch in grösserem Ausmass als üblich in mir herunter. Weiter stellte ich mir jemanden vor, der mir das Mantra über einen gewissen Abstand hinweg zuflüsterte. Tonlos, aber mit übertriebenen Lippenbewegungen. Auch hier setzte die Wirkung sogleich ein. Die Anstrengung jedoch, dass ich mir ein beliebiges Gesicht vorstellte, fühlte sich an wie eine feine Verkrampfung im Gehirn. Schliesslich fiel mir die Lehrmeinung wieder ein, dass ich das Mantra absichtslos in meiner Denkschwarte aufgehen lassen soll. Wie einen Stern in der Nacht, eben wie ein Wölkchen am Himmel. Und schon fühlte sich das Mantra an wie ein Nebel, der sanft an meinem Hinterkopf haftete.

Und diese feinste Mühe, dieses sublime Nichts, das nur angedacht, nur gedanklich fein erinnert wird, dieser Hauch von Eingriff wirkte von allen Spielarten am stärksten auf das Rückenmark.

Nun könnte ich zu einem Triumph über den Materialismus anstimmen. Aber das fällt mir gar nicht erst ein. Dieses Weltbild geht schlüssig aus der Geschichte als eine Antwort hervor, die wie jede neue Strömung manche Missstände ausgleicht.

Nun wird es womöglich selbst wieder ausgeglichen.

Das scheint der Lauf der Dinge. Eine Gangart des Lebens.