Mehr Gefühl, weniger Verstand. Das wurde mir schon oft nahegelegt. In den letzten Tagen habe ich jedoch die Vermutung aufgegriffen, die rassistische Abwertung von Farbigen oder allgemein von Menschen der Dritten Welt könnte damit zu tun haben, dass man sie früher romantisch verklärt hat. Als Naturedle oder ähnlich. Wie Verklärung und Abwertung jedoch zusammenhängen, blieb unbesprochen. Jedenfalls wäre weniger Gefühl in dieser Sache eher angebracht.

Verstand oder Gefühl? Wovon mehr zu Gebote steht, sollte die Situation nahelegen, nicht aber eine Lehrmeinung, die sicherheitshalber an alles Mögliche geheftet wird. Was Rassismus angeht, dürften Reflexe und Gefühle schneller wirken, als wenn man darüber nachdenkt, was dieses Fremde bedeutet, woher es kommt und warum es hier auftaucht. Es braucht Verstand, wenn man das Eigenartige am Fremden erkennt und abwägt, ob es einschlägig genug ist, die Person zu meiden. Ebenso, dass man das Gemeinsame am Fremden sieht, obgleich man sich in der Begegnung beklommen fühlt, und das Gemeinsame als Grundlage dafür nimmt, in Kontakt mit ihm zu treten. Besser aber die Person einfach in Ruhe zu lassen.

Meine Schwester und mein Schwager beherbergten lange Zeit einen Asylanten aus Afrika. Alles verlief bestens. An privaten Anlässen kam es zu einem kulturellen Austausch, der für Begeisterung sorgte. Der Afrikaner sollte jedoch Englisch lernen, damit er in Europa Fuss fasste. Aber er sträubte sich. Wie ein störrisches Kind litt er am Küchentisch, als meine Schwester ihn Vokabeln abfragte. Es war einfach nichts zu machen. Man sollte sich den Afrikaner darüber verzweifelt vorstellen. Irgendwann verliess er die Familie mit den Worten, Gott werde schon für ihn sorgen.

Als ich jung war, gab es Gleichaltrige meines Bekanntenkreises, die frühzeitig Reisen in alle Welt unternahmen. Ich selbst war dazu ausserstande, nur schon die Vorstellung ängstigte mich. Am meisten beschämte es mich, wenn diese Globetrotter sich am Feuer über Begegnungen austauschten, die jedoch allesamt flüchtig verlaufen waren. Einer erzählte von einem Alten, der ihm in Indien wortlos den blank polierten Samen einer Avocado in die Hand drückte und seine Finger darüber schloss. Ob dieser feinen Geste waren allesamt begeistert. Nun frage ich mich, wie diese Begegnung längerfristig verlaufen wäre. Vielleicht hätte mein Kollege die miesen Tricks mitbekommen, die der alte Inder zum Überleben einsetzte. Vielleicht hätte er erleben müssen, wie rüde und bösartig er sich gegenüber Frauen verhielt oder gegenüber Leuten einer anderen Kaste. Und so fort.

Ein einzelner Fall sagt gar nichts, liefert aber Andeutungen: Zwischen romantischer Verklärung und rassistischer Abwertung steht als mögliches Bindeglied die blanke Enttäuschung.

Ein Gefühl, wohlgemerkt.

Diesen Prozess kennen wir im Alltag zur Genüge: Begeisterung, Enttäuschung, Ablehnung. Vielleicht sollte man sich die Begeisterung etwas verkneifen. Das Beispiel zeigt unter anderem, warum der Westen auf Verstand setzte und Gefühle eher für privat erklärt. Auch christliche Missionare durchlaufen diesen Prozess in ihrem besorgten Eifer. Die Einheimischen, die sie zu retten suchen, haben offenkundig Verstand wie alle Menschen, aber sie ziehen andere Schlüsse.

Also stimmt etwas mit ihnen nicht. Folglich stehen sie dem Tier näher als wir.

Eine Schlussfolgerung, die keineswegs zwingend wäre. Wittgenstein würde sagen, diese Leute nähmen bloss an anderen Sprachspielen teil. Sie bewegten sich in anderen Logiken. Dennoch wurde von dieser Schlussfolgerung die Pflicht abgeleitet, diese Menschen seien zu entmündigen. Und wo eine Pflicht bestimmt wird, muss als Kehrseite ein Recht verbindlich gelten. Das wäre eben diese sozialdarwinistische Verirrung, die das Recht der Moderne anmeldet, den Planeten von tiernahen Menschen durch Umerziehung rein zu halten. Daran hängt, etwas humaner, daher jedoch umso abartiger, das Recht der Einheimischen auf ihre Entmündigung zum besseren Leben.

Auch all die weltlichen Bemühungen, dass der Dritten Welt zu Wohlstand verholfen wird, verlaufen im Sand, wie man immer wieder hört. Über die Gründe teilen sich die Meinungen. Für viele steht fest, die Afrikaner zum Beispiel weigerten sich, ihre Gewohnheiten abzulegen. Noch immer herrscht ein Hexenglaube, der manche Grossmutter in Lebensgefahr bringt. Aus Sicht der Familie verhindert sie willentlich, dass der Enkel in Europa zu Erfolg gelangt. Afrikaner haben ihr Soll erfüllt, sobald sie ihrer Familie ein Haus gebaut haben. Dann legen sie sich an die Landstrasse und schauen zu, wie die Autos vorbeifahren. Frauenbeschneidung wird nach wie vor durchgeführt. Für uns völlig unverständlich, dass man auf diesem Weg die gute Hälfte des Gemeinwesens sexuell unempfindlich macht. Dadurch kommt man Problemen wie Eifersucht und Intrigen zuvor, die öfter in Blutrache und Todschlag enden. Und das zersetzt letztlich das gesamte Gemeinwesen, von dem alle auf Gedeih und Verderb abhängen.

Umgekehrt enttäuscht es uns, wenn Bewohner der Dritten Welt technische Vorteile sehr wohl nutzen, sobald es ihnen möglich ist. Dadurch verraten sie eine Naturverbundenheit, die uns an ihnen so sehr rührt. Eine weitere Enttäuschung, die wegzustecken schwerfällt. Wir freuen uns an der Natürlichkeit vieler indigener Menschen der Dritten Welt, aber es missfällt uns, wenn sie am Handy zugange sind und Geschäfte abwickeln, während sie Frauenbeschneidung befürworten.

Bei allem Wohlwollen verrät uns eine gewisse Überheblichkeit. Und die Betroffenen der Dritten Welt merken das sofort. Wir übersehen, dass genau sie es sind, die westliche Vorzüge annehmen. Und wir entmündigen sie, indem wir dem Einfluss des Westens die Schuld geben.

Eingeborene bedienen sich bei den technischen Errungenschaften der Moderne, während sie die rechtlichen missachten.

Wählerisch sind sie!

Genau wie wir.