Religiöse Praktiken mögen überholt sein. Sie weichen derart von heutigen Lebensformen ab, dass sie schon wieder provokant wirken.

Mitten in einer protestantischen Gegend würde man kaum Bildstöcke erwarten. Schon gar nicht den Gekreuzigten in Gold am Strassenrand. Ich meine, Bildstöcke von früher bestens zu kennen. Dennoch werde ich überrascht. Im einen Fall ist ein Betender in Holz geschnitzt, der am Boden kniet, den Rosenkranz so um die gefalteten Hände gewickelt, dass die Person auf den ersten Blick gefesselt erscheint. Das wirkt verwirrend, macht aber Sinn, wenn man bedenkt, dass man früher häufig darum bat, keine Sünden mehr zu begehen. Mit gefesselten Händen kann man nichts mehr falsch machen. Ein Zustand fröhlicher Sündlosigkeit. Dem Künstler des Bildstocks war in diesem Moment die Unterlassungssünde gerade nicht geläufig. Wichtiger aber ist, dass es auch heute Menschen gibt, die sich nur dann wirklich fallen lassen, wenn sie gefesselt sind und geknebelt. Man hört auch von Vakuumbetten, wo man hauteng in Latex gehüllt vorübergehend zur Mumie wird.

Auf dem Hörnliberg oberhalb meines Arbeitsortes findet sich ein weiterer Bildstock, der heutige Ansprüche an ein geglücktes Leben regelrecht vor den Kopf stösst. Gezeigt wird die Gottesmutter mit Kind. Nichts Besonderes also. Eine Bank jedoch steht davor, und zwar mit dem Rücken zu einer prachtvollen Aussicht gewandt, die bei Föhn den Blick nicht nur auf den Glärnisch eröffnet, sondern auch ins Berner Oberland führt. Wer sich betend vor diesem Bildstock niederlässt, wendet sich schnöde von dieser weltlichen Pracht ab.

Ich tue eben das. Was geht mir durch den Kopf? Muttergefühle regen sich keine. Wie auch. Aber die Sorge rührt mich, dass neues Leben entsteht und erblüht. Sei es unser Umzug, oder die frisch angetretene Arbeitsstelle. Später, warum auch immer, fallen mir die vielen Kriege unter Völker ein, mit denen ich mich schon beschäftigt habe. Wie so oft hält man den Einfall für etwas Eigenes, obgleich er ohne unser Dazutun in uns einfach so auftaucht. Jahrhunderte alte Feindschaften, die sich mehrfach in Blut und Asche entluden. Wenn wir ernst nehmen, dass jede Armee in ihrem Selbstverständnis letztlich auf Verteidigung aus ist, selbst im Angriff, dann stellt sich die Frage, was im Innersten jedes Volkes derart verbissen beschützt wird, sodass es erlaubt ist, mit allen Mitteln den Feind auszuradieren. Was bringt Soldaten dazu, den Gegner brutalst zu meucheln, wenn nicht zum blossen Überleben? Wofür genau richten Völker Blutbäder an? Es sind nicht Könige und nicht Kaiser, die man verteidigt. Auch kein Volksvermögen oder besondere Sitten, die der Gegner in Frage stellt.

Sondern das, was ich gerade sehe: Mutter und Kind.

Das gilt für alle Völker. Auf beiden Seiten der Front. Hüben wie drüben.

Ausnahmslos.