Es berührt uns herzallerliebst, wenn Kleinkinder Klötze aufeinandertürmen und ihr Bauwerk mit viel Gekreisch wieder zerzausen. Unsere Freude daran wird von der Gewissheit getragen, dass die Kleinen irgendwann zur Vernunft kommen werden. Dabei übersehen wir, dass das Leben in diesem Vorgang etwas von sich verrät.

Als Jugendlicher klebte ich nach Plan das Modell eines Kampfflugzeugs zusammen. Von Anfang an jedoch mit dem Vorsatz, das Gebastel dann gegen eine Mauer zu schmeissen. Ich fotografierte die Plastiktrümmer im Geröll. Was beim Kleinkind niedlich wirkt, erscheint in diesem Alter schon etwas krankhaft. Daher behielt ich die Sache für mich. Sie fiel auch niemandem auf. Von höchster Kultiviertheit jedoch halten wir buddhistische Mönche, die in Feinstarbeit ein Mandala aus farbigem Sand gestalten, um es nach einer festgelegten Frist wieder zu verwischen.

Im Grunde ist es der immer gleiche Vorgang, aber wir bewerten ihn unterschiedlich.

Kann es sein, dass sich das Leben dabei in seiner Blösse zeigt? Ein Turm aus Klötzen, ein sauber verleimtes Modell, ein Mandala aus Sand sind Ergebnisse einer Bemühung, die wir nützlich finden. Wir reden von Kultur. Offensichtlich sind wir allzu sehr auf Erträge bedacht, die bestenfalls von Dauer sind.

Das Leben aber teilt uns mit: Nichts hat Bestand.

Zumindest was die Menschheit anbetrifft. Die Natur kennt nur Vollzüge. Ergebnisse wie Nester oder Stollen vermodern und zerfallen ungenutzt. Auch findet kein Fortschritt statt. Wenn jemand die Natur abzüglich des Menschenlebens für so besonders sinnvoll hält, sollte er aufzeigen, welchen Sinn es überhaupt hat, wenn immer Gleiches sich wiederholt.

Immerhin verbessern wir Menschen laufend Geräte und Lebensumstände. Wir setzen auf Fortschritt. Ein Zustand, der von Ergebnissen bestimmt ist. Umgekehrt fällt es aber genauso schwer, dem Fortschritt Sinn zuzusprechen, wenn er nie aufhören soll. Sinn haben klarerweise nur Dinge, wenn sie unsere Bedürfnisse befriedigen. Stellen wir darüber hinaus Fragen, etwa nach dem Zweck des Lebens, löst sich diese Klarheit auf.

Davon unbeeindruckt halten wir Menschen an Resultaten fest. Ergebnisse wie Bauwerke und andere technische Belange sowie Formen der Vergemeinschaftung: Bürgerliche Familie, Sippe, Volk. Ob nun diktatorisch geordnet oder demokratisch. Zu diesen Ergebnissen zählen genau so Normen und für Regelwerke.

Alles bauen wir für immer.

Und nichts bliebt.

Projekte scheitern. Traditionsreiche Unternehmen gehen ein. Verwandtschaftliche Bande lösen sich. Ehen zerfallen. Moden kommen und gehen. Millionen versickern. Staatenbünde verschwinden von der Karte. Diktaturen stürzen ein. Privatkonkurse wohin man blickt. Ideologien veralten. Schwüre werden gebrochen, Verträge ebenso oder in gegenseitigem Einvernehmen gelöst.

Das Leben kennt nur Vollzüge. Ergebnisse auf Dauer scheinen ihm von zweitrangiger Bedeutung. Wenn ich also vor einem Scherbenhaufen stehe, besteht kein Grund mehr, dass ich in Gram und Verzweiflung versinke. Diese Sichtweise erledigt jede Form von Enttäuschung. Bis zum Missgeschick, das Scherben nach sich zog, ereigneten sich lebendige Vollzüge genug: Angewandte Fertigkeiten. Ideen und ihre Umsetzung. Das Schmieden und Anpassen von Plänen. Kluge Schachzüge. Kontaktpflege unter allen Beteiligten. Vielleicht gehört es zu den vielen Tricks des Lebens, dass es Formen wie uns hervorbringt, die nützliche Vollzüge tätigen, indem sie Resultate von Dauer anpeilen, obgleich sie nie von Dauer sind.

Wir laufen wie Esel der Rübe vor unserer Nase nach im Kreis und betreiben so das Pumpwerk des Lebens.

Diese Einsicht dürften viele als schicksalsergeben ablehnen.

Ich atme sie wie frische Luft.