Oft höre ich die Ansicht, dem Planeten ginge es besser ohne uns Menschen. Überhaupt hätten wir in dem ganzen All keinerlei Bedeutung, so klein, wie wir sind. Das sind Sichtweisen, die mir doch eher unausgegoren vorkommen.

Zuerst muss man klarstellen, dass die Dinge ihre feste Grösse einbüssen, wenn man sie in kosmische Vergleiche setzt. Denn im Weltall gibt es keine Grössen. Die Massstäbe sind unendlich fortsetzbar, ins Kleine wie ins Grosse. Kosmische Erkenntnis bedeutet, dass ich mein Denken wie ein Zoom in diesen feinen Koordinaten bewege und es beliebig einrasten lasse. Und wenn es um Wert geht oder Sinn, den wir den Dingen beimessen, sehe ich im kosmischen Vergleich bloss Gleichwertigkeit. Die besondere Herausforderung, die Dinge kosmisch zu sehen, liegt für mich eben darin, dass sich die Selbstverständlichkeit von Grösse oder Geringfügigkeit angenehm erledigt.

Psychiater bestätigen jedoch, dass die Art, wie wir die Welt sehen und uns selbst darin, auf das tägliche Wohlbefinden durchaus Einfluss nimmt. Und davon wiederum hängt unsere soziale Verträglichkeit ab. Ein Stuttgarter Psychotherapeut namens Werner Geist hat die Evolutionstheorie so umgeschrieben, dass die Lebensform Mensch aus ihr heraustritt und die blinde Auslese selbst übernimmt. Die Ergebnisse davon nennt er Provolution. Demnach sortieren Menschen ihre Umwelt, während Evolution im Sinne Darwins umgekehrt bedeutet, dass die Umwelt die Lebewesen sortiert. Davon kann man halten, was man will. Werner Geists Bemühung gründet eben darin, dass gewisse Personen angesichts vorherrschender Evolutionstheorie gemütskrank werden. Ich nehme an, dass viele Blaublütige und gutbetuchte Bürgerliche seine Sprechstunde in Anspruch nahmen.

Es lohnt sich folglich, Weltbilder zu pflegen, die den Wert des menschlichen Lebens betonen. Wie aber kann man eine Welt schönfärben, die mit dem Menschen Katastrophen wie die Shoa hervorgebracht hat?

Niemand will sich darüber selbst belügen.

Illusionen jedoch wirkten genauso heilsam wie Tatsachen, die wohltun. Das hat sich mehrfach bewiesen.

Unsere Schlechtigkeit wird auch dadurch bestimmt, dass wir die Natur als harmonische Einheit abzüglich des Menschenlebens verklären. Diese scheinbare Harmonie ist ein Trugbild. Denn sämtliche Eigenschaften treten in ihr auf, die wir am Menschen verurteilen. Wie Raffgier, Selbstbezogenheit, Ausbeutung, Versklavung, Verdrängung, Morde jeder Art. Dort, meinen wir, geschehen die Dinge aus Unschuld. Bei uns hingegen gelten Vorsätzlichkeit und Wahlfreiheit. Eine Voraussetzung für Schuld, die Gerichtspsychiater klar verneinen. Sie sehen bei den Fällen, die sie zu bearbeiten haben, kaum vernünftige Gedanken im Spiel. Wie weit wir frei sind und somit haftbar, ist strittig. Unabhängig davon, wie selbstbestimmt wir vorgehen, stellt sich die Frage, welcher Sinn denn der Natur zukommen soll, falls Menschen vom Planeten verschwinden? Wie ein gigantisches Moos wuchert sie auf seiner Oberfläche, durchsetzt von einem Gewimmel an Lebensformen. Was soll an der Natur sinnvoll sein, wenn man sich den Menschen wegdenkt? Der Planet käme sehr wohl ohne Menschen aus, aber sehr wohl auch ohne übrige Natur. Und das Sonnensystem könnte den Planeten Erde genauso entbehren, wie die Milchstrasse das Sonnensystem und das gesamte All eine oder mehrere seiner zahllosen Sternenhaufen.

Also hat nichts Sinn. Der leibhaftige Nihilismus hockt mitten im Sternenstaub in Form eines Menschentiers, das seinen Kopf andauernd ins Licht hält. Oder es gilt die gegenteilige Annahme: Alles hat Sinn. Das finden wir genauso unbefriedigend. Wir scheuen uns, Katastrophen wie der Shoa Sinn zuzusprechen.

Das Problem liegt darin, dass die Frage nach Sinn oder Sinnlosigkeit an das planetarische Leben gebunden ist.

Sinn meint letztlich alles, was uns zum Überleben dient. Seit jeher meint man, die so genannten schönen Künste seien von dieser rohen Erklärung ausgenommen. Warum auch? Eine Fuge von Bach stärkt Glauben und Demut der Person, die sie hört oder spielt. Das macht diese sozial verträglicher. Und Menschen überleben nur gemeinsam.

Wenn wir also das Weltganze auf Sinn oder Unsinn erkunden, übertragen wir eine Frage, die zwar in planetarischen Verhältnissen Antworten erhält, auf eine Grössenordnung, zu der sie wohl gar nicht passt. Das Weltganze ist weder sinnerfüllt noch unsinnig. Das lässt sich kaum begreifen. Etwas dazwischen gibt es für uns nicht. Ein Beleg dafür, wie sehr wir planetarisch gebunden sind.

Die Frage nach Sinn oder Unsinn ist falsch gestellt. Das Weltall zeigt mir beides nicht. Es führt weder zu Sinn noch zu Sinnlosigkeit.

Hingegen führt es eindeutig zur Sinnfrage.

Indem es uns Menschen hervorbringt.