Hurra! Hab ich’s nicht gewusst? Nein, bloss richtig vermutet. Perfektion ist eine Sackgasse. Für das Leben zumindest. Das wurde mir bestätigt.

Das Leben zeigt es schon vor: Seine Ordnungen sind für sich betrachtet vollkommen: Ein Bienenstaat, ein Wolfsrudel, all die Ökobalancen, die wir schonen sollten. Aber diese Ordnungen durchkreuzen sich: Ein Bär plündert restlos ein Honignest, Ameisen überfallen ein Nachbarvolk, zerstückeln seine Mitglieder mit ihren Zangen, besprühen sie mit Säure. Das Leben kennt keine Perfektion, die dazu führte, dass eine ihrer Ordnungen dauerhaft überleben würde. Letztlich steht die Sterblichkeit, die es eingerichtet hat, dafür, dass Perfektion und Vollkommenheit eigentlich nicht vorgesehen sind.

Nur wir Menschen trimmen uns in diese Richtung. Jeder Fehler gerät zur Katastrophe eines persönlichen Lebens. Unter uns häuft sich Schuld auf Schuld. Generationen kommen und gehen. In der Annahme, sie würden sie endgültig perfektionieren, drücken sie der Gesellschaft ihren Stempel auf. Die Angst, dass sie einen Krüppel von Ordnung hervorbringen, statt eine Lichtgestalt über Sümpfen menschlichen Treibens zu weben, spielt dabei wesentlich mit. Die Kritiker ihres rastlosen Engagements sind deshalb verhasst. Dabei sollte auffallen, dass es immer Kritiker gibt.

Sie sorgen dafür, dass die Verhältnisse nicht in irgendeiner Perfektion erstarren.

Eine perfekte Ordnung entwickelt sich nicht weiter. Offenbar haben Fehler, die darin aus Unwissen oder Nachlässigkeit passieren, die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Dinge im Fluss bleiben. Das geschieht, indem sie die Ordnung dazu anreizen, dass sich noch mehr in Richtung Perfektion geradezu verkrampfen. Das dauert solange, bis ihre Erträglichkeit für immer mehr Teilnehmende ausgeschöpft bis überanstrengt wird. Allerspätestens dann, wenn die nächste Generation in der Verantwortlichkeit nachrückt.

Dann wird die perfekte Ordnung erst umgebaut, sehr bald aber ersetzt.

Die Geschichte lässt sich wie ein Bilderbuch solcher Fälle durchblättern. Nichts bleibt an Ort. Jede gesellschaftliche Ordnung, so ausgeklügelt sie auch sein mag, verschwindet von der Bildfläche. Sie zerbröselt, sie versickert, sie verschlammt.

Ich weiss, einer meiner Lieblingsfranzosen spricht aus mir: Michel Serres. Auf die Europäische Union hin befragt, was er davon halte, lobte Serres ihre ursprüngliche Aufgabe als Friedensprojekt, die erfüllt wurde. Serres hat mehrere Krieg miterlebt. Andererseits fand er sie in ihrem derzeitigen Betrieb voller Mängel. Er schreibt: «[Ein] lebendiges System funktioniert, weil es voller Fehler ist.» [p 53f]

Vollkommene Systeme seien sterblich, lebendige Systeme aber komplex, verdreht, schlecht gebaut […]. Sie bleiben wohl deshalb lebendig, da gerade die Fehler sie anpassungsfähig machen.

Also: Es sind die Fehler, in denen das Leben sich Spielräume für seine weitere Entwicklung bewahrt.