Das Szenario wäre an Ironie kaum zu überbieten: Sanders nach Trump. Möglich, aber unwahrscheinlich.
Aus amerikanischer Sicht wäre das die Katastrophe schlechthin: Erst Republikanismus, dann Kommunismus. Für uns Europäer folgte einem sonderbaren Nationalneoliberalisten einfach ein Sozialdemokrat. Kein Grund zur Aufregung also.

Angenommen, dieses Szenario träfe zu, dann könnte man sich zur Schlussfolgerung genötigt sehen, dass der Liberalismus diesen Linksrutsch sogar veranlasst hat, indem er nach Jahren seiner Wirkmächtigkeit nun unter Trump übertrieben wurde. Die Geschichte zeigt zuhauf:

Eine entfesselte Ideologie wird früher oder später ersetzt.

Freier Markt und geringster staatlicher Einfluss sind für sich genommen ein klares politisches Programm. Wie kann man es übertreiben? Welches Mass bestimmt die Schwelle, von der an die Sache schädlich wird? Und vor allem: Wer bestimmt dieses Mass? Je strikter eine Ideologie zur Anwendung kommt, je feiner die Lebensbereiche verzweigt sind, in die sie eingreift, desto besser, meinen ihre Befürworter. Im Falle des Liberalismus könnte man einwenden, er dauere schon bald ein halbes Jahrhundert. Also zu lange. Zeit für einen Wechsel. Das klingt einsichtig, aber man sollte die Gestaltung einer Gesellschaft nicht mit Modetrends verwechseln. Solche Konzepte sind dem Anspruch nach für wesentlich länger gefertigt: Gottesstaat, Wohlfahrtsstaat, Tausendjähriges Reich.

Weiter könnte man Anstoss daran nehmen, dass die Ideologie nur einem Bruchteil der Gesellschaft zu Glück und Sicherheit verhilft. Auch sonst geschehen immer wieder Fehler. Also verliert sie ihre Berechtigung. Die Antwort hierzu fällt den Befürwortern leicht. Wenn ihre Ideologie bei der Umsetzung wirklich befolgt würde, statt dass man sie bekämpft oder schleifen lässt, sähe die Lage besser aus.

Was sie sich ausmalen, erinnert an eine utopische Gesellschaft.

Wie so oft sind die Gegner das Problem. Es sind denn auch nur sie, die irgendwann die Umsetzung einer Ideologie für übertrieben erachten, sofern sie sich bislang halbwegs mit ihr abgefunden haben.

Ideologen sollten sich daher Folgendes klarmachen: Einerlei, welche Ideologie sie verfechten, ob von links oder von rechts, ob radikal oder gemässigt, ob religiös oder wirtschaftlich, sie hat immer Gegner, die gegen sie arbeiten. Von innen wie von aussen. Noch nie hat die Menschheit eine Gesellschaft gesehen, die ideologisch völlig rein gewesen wäre.

Diese Gegner aber sind auch da. Auch sie zählen mit zur Bevölkerung planetarischer Reichweite. Sie gehören mit dazu. Immer.

Die frühen Philosophen, noch vor Sokrates, fragten sich, wie man zur Mitgegenwart des Seins komme, aus dem alles, was wir kennen, heraustritt. Dieses Heraustreten nennt sich Existenz. Ein solch umfassendes Sein ist eher ungreifbar abwesend.

Daher fragten sie nach der Mitgegenwart dieses Abwesenden.

Das ist eine religiöse Frage, etwas entschärft eben eine philosophische. Diese Frage lässt sich politisch ummünzen, indem wir nach der Mitgegenwart derjenigen fragen, die unsere beste Vorstellung von Gesellschaft ablehnen und trotzdem anwesend sind.

Wir fragen nach der Mitgegenwart des Anwesenden.

Und diese Frage ist politisch. Es sind die Gegner meiner Überzeugung. Nietzsche zufolge müsste ich ihre Infragestellung begrüssen, denn Überzeugungen wie Ideologien seien gleichwertig wie Lügen. Wir belügen uns darüber hinweg, dass die Gegner unserer Ideologie sehr wohl ein Anliegen verfolgen.

Und dieses Anliegen hat nicht nur mit ihnen zu tun.

Sondern genauso mit der Welt, in der wir leben.