Als Wiedereinsteiger auf Primarstufe kämpfe ich mit neueren und neusten Lehrmitteln. Das hat praktische Gründe. Aber nicht nur.

Zum Praktischen: Ein Lehrmittel zerfällt in mehrere Bestandteile. Früher gab es Buch und Kommentar mit Lösungen. Sehr bald kommt ein Arbeitsheft dazu, vielleicht noch eine Sonderbeilage. Bei den neueren Lehrmitteln geistern noch CD-Roms herum, die nötig sind, da auf sie verwiesen wird. Darauf sind zusätzliche Arbeitsblätter gespeichert. Irgendwann stösst man auf den Hinweis, dass es Lernkarten gibt, die man in Schachteln geordnet zum Lehrmittel dazu kauft. Auch sie sind in den didaktischen Ablauf so eingebaut, dass man auf sie nicht verzichten kann.

Heutzutage nötigen uns die Verlage klarerweise ins Internet. Man muss ja auch Klicks verbuchen, um als gefragt zu erscheinen. Dazu ist öfter eine Lizenz vonnöten, die nicht gerade billig ist. Prüfungen und Lösungen wiederum findet man dort keine. Sie sind auf Sticks erhältlich, die eigens zu bestellen sind. Aus Sicherheit, versteht sich. Vom Pädagogen werde ich zum Organisierer und Verwalter. Es gibt Tabellen zu handhaben und Listen abzuhaken. Die minuziös ausgefeilten Jahrespläne stehen bereit, auch wenn sie sich nur empfehlen.

Das lässt sich alles bewältigen. Schwerer zu ertragen ist die Ideologie der Autoren. Ihr Wohlwollen ist mit Händen zu greifen. Und es gehört zur intellektuellen Redlichkeit, dass man erst ein Anliegen herausarbeitet, bevor man es zerzaust: Die Autorschaften wollen, dass es dem Kind gut geht, dass es seine Freude am Lernen beibehält. Es soll neugierig vorgehen und staunen und möglichst ohne Einmischung selber zum Ziel finden. Das Anliegen ist nicht zu unterschätzen. Der Ruf der Wirtschaft nach selbständigen Mitarbeitern wurde gehört.

Das hat zur Folge, dass bereits Neunjährige Wochenpläne zu bewältigen haben.

Das ist aber noch nicht alles. Wenn man in die Vergangenheit zurückblickt, wird Selbständigkeit als Anliegen förmlich greifbar: Harte Schule und autoritäre Einmischung haben zum Desaster zweier Weltkriege geführt. Auch wenn es weitere Ursachen gibt, spielt Gehorsam dabei eine wichtige Rolle. Auch totalitäre Staaten, die es immer noch gibt, sind auf Massen angewiesen, die sich möglichst keine Selbständigkeit anmassen.

Soviel zum Anliegen. Es ist erkannt, und eine ganze Generation von Fachkräften verständigt sich gegenseitig über seine Bedeutsamkeit. So läuft Geschichte seit je.

Und jede Generation erliegt der Überzeugung, sie würde die Dinge nun endlich richten.

Dann passiert der gleiche Fehler, ebenfalls wie seit je: Das Anliegen wird für derart wichtig genommen, dass man die Massnahmen zu seiner Durchsetzung sicherheitshalber veramtet und bürokratisiert. Dass man zum Beispiel sein eigenes Vorgehen kritisch reflektieren soll, hat zur Folge, dass Arbeitsblätter und Formulare mit einem entsprechenden Kasten herausgegeben werden, der mit einer sinnvollen Antwort zu befüllen ist. „Reflektiere dein Arbeitsverhalten.“ Wiederum sicherheitshalber weist das Layout drei nummerierte Linien auf. Folglich sind drei Stellungnahmen vorgesehen.

Fehlt eine Antwort, ist das mittels Korrektur, am besten durch Punkteabzug zu ahnden.

Was wiederum zur Folge hat, dass die Schüler irgendetwas hineinschreiben, von dem sie wissen oder vermuten, dass es in meinen Ohren sinnvoll klingt.

Diese neueren und neusten Lehrmittel wenden sich immer direkt an die Schülerschaft, indem sie Anweisungen erteilen, die lehrmittelübergreifend genau gleich verfasst sind. Die Lehrperson bleibt ausgeschaltet, sie verwaltet ja nur den gesamten Lernprozess. Diese Anweisungen lauten etwa wie folgt: «Hier kannst du nachschlagen, falls du Informationen zur Lösung der Aufgabe benötigst.» Oder: «Bespreche deine Ergebnisse mit einem Kollegen oder einer Kollegin. Dann einigt ihr euch auf eine Antwort.» Oder: «Wähle drei Wörter aus, die du dir merken möchtest.“ An diesem letzten Beispiel wird deutlich, was ich diesen Lehrmitteln vorwerfe. Denn es wird stillschweigend vorausgesetzt, die Kinder hätten die Notwendigkeit solchen Tuns, wie Morpheme sortieren oder Wortarten einfärben, schon vorweg von sich aus eingesehen.

Nach meiner Erfahrung ist das sozusagen nie der Fall.

Oder diese Anweisung: „Sammle Fragen zum Thema, die dich interessieren.“ Die wirklichen Adressaten, wiederum im Promillebereich zu finden, mögen sich damit abgeholt fühlen, wie es so schön heisst. Die meisten stellen fest, dass sie gar keine Fragen interessant finden. Also wählen sie beliebig irgendwelche Fragen, und wenn man sie auf ihre Wahl behaftet, werden sie kleinlaut und verlegen. Autoritäre Schulen haben immerhin noch mit dem Widerstand ihrer Zöglinge gerechnet.

Diese stillschweigende Unterstellung ist pädagogischer Kitsch. Aus meiner Sicht. Die Mehrheit der Schüler befolgt mehr oder weniger gleichgültig solche Anweisungen wie sonstige Befehle.

Jene Kinder, die tatsächlich engagiert Wörter aussuchen und sich merken, gehören zu einer Minderheit im Promillebereich.

Meistens sind es Sonderlinge.