Der Judaskuss sollte erneuert werden. Allerdings in abgewandelter Form: Nämlich indem wir Judas küssen. Unsere Zeit hält sich für besonders aufgeklärt. Aber auch sie kennt keinen Täterhumanismus. Opfer finden heute rasch Gehör, was sich keinesfalls von selbst versteht. Aber Verständnis für Täter fällt nach wie vor schwer.

Denn jemanden zu verstehen, bedeutet für manche zugleich seine Entschuldung.

Aber das stimmt nicht. Jedes Gericht ermittelt bestmögliches Verständnis für die Täter in ihren Sachlagen, dennoch spricht es sie für schuldig. Wichtig ist die Absicht zur Untat. Nach neuster Theologie verfolgte Judas die Absicht, bei Passion und Auferstehung Jesu Hilfe zu leisten. Das sollte alle nachdenklich stimmen, die sich vom Übeltäter Judas abheben. Der Kuss für Judas erfolgt genauso aus Dankbarkeit. An seinem Feindbild stossen wir uns ab in die Höhen unseres christlichen Gutmenschentums.

Also haben wir Judas missbraucht. Auch diese Lesart ist möglich.

Dabei sollte uns sein Verrat gar nicht erst beschäftigen. Die einzig wichtige Frage, die sich einem Christen stellt, ist die nach dem Grund, warum der Nazarener trotz drohender Gefahr in Jerusalem geblieben ist. Alles, was darauffolgt, ist zweitrangig. Seine Weigerung zu fliehen sowie der Verrat sind notwendige Schaltstellen, damit das christliche Mysterium gelingen kann.

Ein Täterhumanismus lässt es bei der Erörterung von Motiv und Absicht nicht bewenden. Darüber hinaus gilt der klare Grundsatz, dass jede Person ihren Zerreisspunkt hat. Alexander Kluge liefert dazu eingängige Beispiele: Ein Ehemann, ein beispielhafter Gutmensch, beschattet seine Frau, da er argwöhnt, sie gehe fremd. Er bekommt Recht, bittet sie um Klarheit im Hotelzimmer. Mit ihrer Antwort baut sie ab, Stück um Stück, was seinem Leben bis dahin Sinn gegeben hat: Dass sie ihn nie geliebt hat, sondern erduldet, dass sie seit Jahren Ehebruch begeht, und dass der Sohn, den er liebt wie niemanden sonst, gar nicht von ihm stammt. Eine Schere liegt da, er greift sie und tötet seine Frau.

Ein anderer Täter fasst den Moment vor der Untat, mitten im Zerreisspunkt, wie folgt in Worte: Tief in ihm unten sei es auf einmal ganz hell geworden.

Wir Gutmenschen wähnen uns erhaben über Täter. Dabei sollte uns klar sein, dass uns das Leben lediglich davor bewahrt hat, dass wir an unseren Zerreisspunkt gelangen.

Und zwar zufällig, sollte man ergänzen.

Aus Anstand gegenüber Menschen, die sich unverhofft als Täter gestempelt sehen.