Im Alter kommt es öfter vor, dass man Dinge von früher bereut und Reue um Reue dauerhaft wiederkäut. Hader quält diese Menschen. Mit ihnen lebt es sich unbequem. Für sie gibt es nur ein Mittel: Sie sollten sich, sofern sie Fehlentscheide bereuen, eine negative Illusion zurechtlegen und daran festhalten.

Wenn ich es für mich bedenke, überblicke ich zahllose Anlässe in meinem Leben, die das Zeug zur Reue hätten. Ich kome aus dem Zählen nicht heraus, so vielem könnte ich nachtrauern. Aber eine sonderbare Trägheit hält mich davon ab.

Ich bin wohl zu Faul zur Reue.

Das wäre ein möglicher Ratschlag für Leute, die in Hader erstarren: Sei träge genug, und keine Reue wird sich in dir entzünden. Das klingt so wenig zweckdienlich wie: Nimm’s gelassen. So ohne Weiteres lässt sich das niemandem anempfehlen. Für die meisten bedeutet das handfeste Qualen. Sie durchstehen eine vorzeitige Hölle. Eine moderne, wohlgemerkt, denn wie nie zuvor gilt uns das persönliche Leben als selbst gemacht. Mit leichten Mitteln ist das ohnehin es so eine Sache. Das Leben soll sich auf Knopfdruck bessern. Immerhin erfordert die negative Illusion reichlich Gedankenarbeit. Und wie bei Seelsorge oder Psychiatrie geht es auch hier darum, dass die Person wieder in die Lage kommt, sich den Umständen ihres jetzigen Lebens zu widmen.

Oder als selbst verpfuscht.

In dieser Frage wurde sogar ein Tabu zutage gefördert: Vor einigen Jahren berichtete ein Pendlerblatt von Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen. Dazu habe ich wenig zu sagen. Mutterschaft zieht einen noch tiefer ins menschliche Leben, als wir Männer es uns wohl vorstellen. Eine vergleichbare lebenslange Bindung zum Kind ist uns unvertraut. Daher sehe ich mich kaum befugt, hier auch nur irgendetwas anzuraten, zumal ich nicht einmal eigene Kinder habe.

Wer Fremdverschulden für seine Misere anprangert, ist noch schlimmer dran, wenn es um Selbstachtung geht. Beispiele gibt es zuhauf: Ein Bekannter klagt, seine Frau hätte ihm seine Karriere vereitelt. Die Filiale einer Firma sollte er zu gründen mithelfen, in Neuseeland oder Australien. Seine Gattin weigert sich, mitzukommen, mit den Kindern ohnehin nicht.

Daran kaut er sein halbes Leben lang. Und er malt in schillernsten Farben aus, was ihm da alles verwehrt wurde. Eine glanzvolle Karriere, ein Leben unter Gutbetuchten, an den Wochenenden Abenteuer im Umland, auf See, abends ein Konzert. Und man fragt sich bestürzt, wie es kommt, dass eine Illusion, ein Nichts also, die tatsächliche Gegenwart beherrscht, die der Mann mit anderen teilt.

Die positive Illusion, an der mein Bekannter festhält, ist in keiner Weise berechtigt. Für nichts davon gibt es eine Garantie. Genau das Gegenteil hätte ebenso passieren können. Die negative Illusion beginnt also bei der Einsicht, dass die Entscheidung, die man bereut, genauso ins Desaster hätte führen können. Die negative Illusion kratzt freilich am Stolz. Mein Bekannter könnte sich die Annahme zurechtlegen, seine damalige Firma habe ihn als mögliches Bauernopfer im Ausland platzieren wollen, falls die Sache schief ginge. Vielleicht hätte er fortgelobt werden sollen, wie man sagt. Die falsche Weichenstellung hätte ihn dann folglich vor Misskredit bewahrt, im äussersten Fall ihm das Leben gerettet, je nachdem, wie erfindungsreich ich meine negative Illusion ausgestalte. Glückliche Verhältnisse sich auszumalen, fällt gewiss leichter.

Beide Illusionen bieten keinerlei Garantien, wie es sich eben für Dinge gehört, die wir uns nur ausdenken. Der Unterschied liegt woanders:

Die positive Illusion lässt dich versteinern, die negative entlässt dich in deine Gegenwart.