Flau war es mir im Magen, als ich den Sterbenden besuchte. Ich sah Verfall und Licht.

An diesem Abend hätte ich am Smartphone um das letzte Ticket zu einem Konzert wetten müssen. Das war mir zu anstrengend. Also schlenderte ich durch die Stadt. So kam ich am Bushalt vorbei, wo in drei Minuten ein Kurs zum Hospiz führte, in dem der Sterbende lebte. Jetzt oder nie, dachte ich. Mir war bange, was mich erwarten würde. Ein Haufen Elend, Weinerlichkeit, vielleicht Hader und Zorn. Der Sterbende war Mönch, erst Pallotiner, dann Priester der Schönstattbewegung. Ein Lehrer von früher. Immer wieder geriet ich in Versuchung, den Weg zum Seeufer in die Aprilsonne zu nehmen, statt in eine Zelle mit stickiger Luft. Man führte mich in ein Besucherzimmer für Seelsorge. Ich wartete.

Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht damit, dass der Sterbende ins Zimmer trat wie ein Arzt zu seinem Patienten.

Meine Scham, dass ich all die Jahre keinen Kontakt aufgenommen hatte, war unbegründet. Warum ich ihn besuche. Ich wollte ihm noch mitteilen, dass auch heutige Jugendliche, die ihre Zeit vor Bildschirmen verbringen, brennend interessiert seien, was uns Menschen angeht, woher wir kommen, was wir sind. Wie wir damals. Das wusste er. Nicht unmittelbar, jedoch über das Menschenbild, das ihm ein Leben lang bestätigt wurde.

Er litt an Blutkrebs, mit Ablegern zwischen Lunge und Leber. Das sei so bei ihm, meinte er, als sprächen wir über seine Prägungen und Gewohnheiten von Kindsbeinen an. Sein Gesicht, sein Körper zeigten Verfall, aber seine Augen leuchteten blauweiss.

Ich fragte mich, ob eine Eule mich anblickte. Oder ein Adler.

Anschliessend sassen wir in seiner Klause zwischen Büchern und redeten Stunde um Stunde. Währenddessen wurde es dunkel. Es gab kein Wasser und nichts zu essen. Und der Sterbende machte auch kein Licht.

Wir redeten und lachten und tauschten aus und versanken in tiefem Dunkel. Sein Gesicht war sehr bald nicht mehr zu sehen. So nahm er mich etwas mit in seinen Tod.

Irgendwann war genug. Wir verabschiedeten uns mit einem kurzen Gruss. Es war gewiss zum letzten Mal, aber das hatte nichts zu bedeuten. Ich zog beglückt davon, im Wissen, etwas erlebt zu haben, an das ich mich einmal so würde erinnern können, dass es mir viel Nutzen bringt.

Nämlich wenn ich selber sterben werde.

An seiner Beerdigung kam ich mit einigen Leuten ins Gespräch. Viele hatten ihn besucht und dabei die gleiche Erfahrung gemacht: Kein Essen, kein Trinken.

Nur reden.

Und gleichmütig im Dunkel versinken.

Als Sterbender.