Wer die Vereinigten Staaten von Amerika verstehen möchte, und zwar so, wie sie sich selbst verstehen, schaut sich am besten die Serie «Unsere kleine Farm» an. Genauer lernen wir die Republikaner verstehen, die besonders liberal gesinnt sind. Das demokratische Amerika ist uns eher geläufig, zumal die soziale Marktwirtschaft eine europäische Selbstverständlichkeit darstellt. Oder bislang dargestellt hat.

Es reicht, wenn man sich den Beginn der ersten Staffel zu Gemüte führt und den Schluss der gesamten Serie. Wir erleben eine Familie, die irgendwo im Westen siedelt. Dabei ist sie völlig auf sich gestellt. Das wird drastisch deutlich, als eine Feuersbrunst ihr Anwesen heimsucht. Es gibt keine Feuerwehr anzurufen. Nachbarn helfen nur dann, wenn zwischen den Familien Einvernehmen herrscht.

Die moralischen Herausforderungen zu meistern, wird also überlebenswichtig: Der Vater leiht sich einen Pflug, den unbestellten Grund zum ersten Mal zu kehren, da noch kein Einkommen für ein eigenes Gerät erwirtschaftet ist. Dabei liefert er sich dem Besitzer des Pfluges als seinem Gläubiger aus. Eigenständigkeit ist ein Kernanliegen des amerikanischen Liberalismus, Bevormundung infolge Abhängigkeit ein Gräuel, genauer ein persönliches Versagen.

Die Eigenständigkeit nimmt in der Geschichte amüsante Züge an: Da kein Meter zur Hand ist, wird Weitspucken zu einer sicheren Messmethode. Die Kinder üben Steinwerfen nicht zur blossen Belustigung, schliesslich könnte es der Fall sein, dass sie einen Fuchs vom Hühnerstall verjagen müssen.

Die Siedler handeln selbstbestimmt. Zusammenarbeit mit anderen beruht auf einem privaten Übereinkommen. Gleich zu Beginn werden wir Zeuge, wie der Staat nachrückt und das Land, das die Familien für sich in Anspruch genommen und eigenhändig bestellt haben, kurzerhand zum Reservat für Indianer erklärt. Das zwingt die Familien zur Aufgabe ihres Eigentums. Der Widerstreit zwischen örtlicher Selbständigkeit und landesweiter Zentralisierung gehört ebenfalls zu den Grundanliegen des amerikanischen Liberalismus, wobei es unterschiedliche Meinungen darüber gibt, wieviel Staat, also wieviel Zentralisierung gut ist für ein Volk. Für manche Libertäre bedeutet nur schon eine Nationalbank oder eine gesetzliche Krankenkasse eine Art kommunistische Enteignung. Für sie soll Gold keine Ware mehr sein, sondern wie früher ein Zahlungsmittel.

Die Familie zieht weiter, denn noch hat es genügend Platz im Westen. Der liberale Grundsatz, dass man die Situation, in die man geraten ist, entweder ändert oder verlässt, passt zu den damaligen Verhältnissen. In der heutigen weltweiten Völkerdichte hat dieses Prinzip seine Passung verloren, auch wenn es weiterhin gepredigt wird. In manchem Management dient es als Argument zur Entlassung von unbequemen Mitarbeitern. Die Aufforderung, man solle einfach weiterziehen, greift nicht mehr.

Sehr bald vernichtet Hagel die Ernte der Familie. Keine Versicherung greift ihr unter die Arme. Der Vater muss in den Steinbruch, er hält sich nicht für unfähig zu dieser harten Arbeit, sondern eignet sich rasch das nötige Können dazu an. Die Liste an liberalen Grundsätzen wird damit durch das Prinzip der Flexibilität erweitert. Der Vater, ein Idealbild an Gleichmut und Durchhaltevermögen, entbehrt denn auch jeden Bezug zur Wirklichkeit. Er verzweifelt nie, verliert niemals die Fassung. Das erklärt sich von daher, dass die Serie an Kinder gerichtet ist. Als Vorbild in der heutigen Arbeitswelt wäre seine Figur geschmacklos und flach wie eine Werbung, sie wäre schlichtweg ein Hohn bei all dem Leid, das Flexibilität anzurichten der Lage ist.

Die Serie als Geschichte für Kinder erklärt überdies, warum niemand bewaffnet ist. In diesem Fall belügt Amerika sich selbst. Das Bild des Siedlertums im 19. Jahrhundert wird dadurch völlig verzerrt. Die Bibel ist in der Geschichte vorhanden, aber die Pistole fehlt. Eigenständigkeit, wie sie die Republikaner einfordern und wie sie die Vereinigten Staaten zunehmend über UNO, Weltbank und Währungsfond anderen Völkern vorschreiben, geht nicht ohne Selbstverteidigung auf eigenem Grund und Boden.

Gegen Ende der Serie, da die drei Töchter erwachsen sind, widerfährt der Familie ein ähnliches Schicksal wie zu Beginn: Nach all den Jahren des Aufbaus und der Kultivierung aus eigenem Vermögen wird sie, wiederum von staatlicher Seite, zum nachträglichen Kauf ihres Landes genötigt. Eine Firma hat den Boden der US-Regierung abgekauft. Die Antwort der Siedler müsste uns, die wir uns im amerikanischen Exportgut Liberalismus mehr recht als schlecht einrichten, in ihrer Entschiedenheit wohl beeindrucken. Vielleicht aber sollte sie uns eher vor einem konsequenten Amerikanismus das Fürchten lehren:

Denn die Siedler, von der gleichen staatlichen Forderung betroffen, stecken ihre Häuser in Brand und ziehen weiter.

Ein Historiker, der vor Jahrzehnten die Auflösung der Sowjetunion vorausberechnet hat, meinte zum allfälligen Niedergang der USA, er werde im Vergleich dazu brutal verlaufen.