In der Linde über mir summen Bienen. Ein Naturschauspiel, das alle entzückt. Da stelle ich mir vor, ich schwebte über einer Stadt, unterhalb des Planeten, und hörte den Strassenlärm als ähnliches Gesummse. Beides ist kosmischen Ursprungs. Doch wie kann es dasselbe sein?

Die Betriebsamkeit wäre immerhin die gleiche, bei Bienen wie Passanten und Autolenkern. Im Gegensatz zu Bienen oder Ameisen sehen wir den wesentlichen Unterschied darin, dass wir uns bewusst verhalten. Ameisen folgen aus Instinkt den Duftspuren, die sie legen, Bienen tanzen Meldungen vor und befolgen sie, ebenfalls aus Instinkt. Sehen wir genauer hin, zeigt sich, dass wir gar nichts darüber wissen, was wir mit Instinkt bezeichnen.

Der Ausdruck ‘Instinkt’ deckelt blankes Unwissen.

Eine Echse schlüpft aus dem Ei. Von Anfang an zeigt sie Fluchtverhalten. Ohne Vorbild, einfach so. Bloss aus Instinkt.

Wen wundert’s, schliesslich kommt Leben auch einfach so im All vor. Aber ich geniesse Verwunderung. Um unser Bewusstsein ist es kaum besser bestellt. Zwar hat sich massig Wissen darüber angehäuft, aber wie das Feuern von Nervenzellen zu einem intimen Gefühl wird, sei es Lust oder Angst, zu einem Ich-Verständnis oder zu einem Gedanken mit Entschlusskraft nach langwierigem Überlegen, das ist trotz aller Bemühung bis anhin ungeklärt geblieben. Lösen wir eine Gleichung, feuern gewisse Neuronen in bestimmten Gehirnbereichen. Das ist auch der Fall, wenn uns ein Aha-Erlebnis widerfährt, wenn wir in Panik ausbrechen oder einen Wutanfall erleiden. Auch Heimweh oder schmerzliche Verliebtheit beruhen auf neuronalen Ereignissen. Logisches Denken, Angst oder Aggression bilden also unterschiedliche Muster neuronaler Ereignisse. Das erklärt nur schwach, jedenfalls höchst unbefriedigend, wie es kommt, dass wir diese Zustände völlig anders erleben.

Die Chancen stehen also gut, dass ein Bienengesummse und ein Rauschen über städtischen Verkehrsknotenpunkten ein und dasselbe sind. Dennoch steht fest, dass wir willentlich zielbewusst auf der richtigen Seite fahren und bei Rot halten und das Abbiegen nach links durch Einspuren vorbereiten. Das entspricht genau dem freien Willen à la Kant, der sich Regeln unterwirft, indem er Notwendigkeiten einsieht, die für alle gelten, zum Beispiel unbeschadet nach Hause fahren zu können. Aber er tut das, damit niemand von der Zentralmacht entmündigt wird, die für die öffentliche Ordnung zuständig ist. Diese Vorsorge berechtigt erst, dass man von einem freien Willen sprechen kann. Jede gesetzliche Neuerung ist genau das, nämlich die Entmündigung aller, wenn gehäuft Einzelne verquer laufen: Gurtenpflicht, Tempobegrenzung, Kontrollen jeder Art.

Das lässt sich auch anders sehen: Wir halten die Regeln aus Schadensbegrenzung ein. Auch das ist eine Vorsorge, wenn auch eher eine ganz persönliche. Wir kommen allfälligen Schulden und überhaupt Aufregungen zuvor. Und all das Rot der Ampeln und Verbotsschilder und Abschrankungen warnt uns davor, dass bei Fehlverhalten unter Umständen Blut fliesst. Von Einsicht in die Notwendigkeiten, die alle angehen, keine Spur, ebensowenig von der Sorge um Mündigkeit, um die eigene ebensowenig wie um die Mündigkeit aller.

Diese Angst scheint mir genauso natürlich wie die Eigenart von Ameisen, Düften zu folgen.

In beiden Fällen ist eine Lenkung im Spiel, die höher geordnet ist. Auch gibt es viel Natur, mehr, als uns geheuer scheint.

Instinkt, Bewusstsein. In beiden Fällen herrscht im Kern gähnendes Nichtwissen.

In Sachen Gesummse im All: Mein Vater betrieb in seiner Freizeit Radioastronomie. Statt den Weltraum auszuspähen, horchte er ihn aus. Hauptwerkzeuge sind Antennen, die unser Dach bewaldeten, sowie Empfänger und Computer mit Eigenprogrammierung seit Commodore. Hin und wieder hörten wir der Werkstatt solches Gesummse aus dem All ertönen, zum Beispiel Sternrauschen. Einmal knackte es in unregelmässigen Abständen. Tack …. TackTack…Tack…. Tack..Tack. Auf meine Frage, was das sei, antwortete mein Vater wie gewohnt beiläufig, ja sogar etwas abfällig, das seien bloss Wasserstoffatome im Zentrum der Milchstrasse. Wenn sie die Energieebene wechseln, kommt es zu diesem Knacken.

Das täten sie nur im Abstand von vierhundert Jahren.

Man macht sich kaum einen Begriff davon, wieviele Atome es dort gibt. Denn es knackte ohne Unterlass.