Mein Vater betrieb in seiner Freizeit Radioastronomie. Statt in den Weltraum zu spähen, horchte er ihn aus. Die Geräusche, die er empfing, stammten unter anderem vom Zentrum der Milchstrasse.

 

Hauptwerkzeuge waren Antennen, die unser Dach bewaldeten, sowie Empfänger und Computer mit Eigenprogrammierung, immerhin seit Commodore. Hin und wieder hörten wir in seiner Werkstatt solches Gesummse aus dem All ertönen. Zum Beispiel Sternenrauschen. Einmal knackte es in unregelmässigen Abständen. Tack …. TackTack…Tack……. Tack..Tack. Auf meine Frage, was das sei, antwortete mein Vater wie gewohnt beiläufig, ja sogar etwas abfällig, das seien bloss Wasserstoffatome im Zentrum der Milchstrasse, die knackten, wenn sie die Energieebene wechselten, erklärte er.

Und das täten sie alle vierhundert Jahre einmal. Man macht sich kaum einen Begriff davon, wieviele Atome es dort gibt. Denn es knackte ohne Unterlass.

Aus verschiedenen Gründen blieb mir sonst die Welt der Radioastronomie verwehrt. Also legte ich mich unter die Linde im Garten, die gerade in Blüte stand. Sie war Ende des Zweiten Weltkrieges gepflanzt worden. Mittlerweile ist sie gefällt. So lauschte ich den den Bienen, die im Geäst über mir umhersummten. Ein Naturschauspiel, das alle entzückt. Da stellte ich mir vor, ich schwebte über einer Stadt, unterhalb des Planeten, und hörte den Strassenlärm als ähnliches Gesummse. Beides war kosmischen Ursprungs. Genau wie die Wasserstoffatome. Doch wie konnte alles dasselbe sein?

Die Betriebsamkeit wäre immerhin die gleiche, bei Bienen wie Passanten und Autolenkern. Im Gegensatz zu Bienen oder Ameisen sehen wir den wesentlichen Unterschied darin, dass wir uns bewusst verhalten. Ameisen folgen aus Instinkt den Duftspuren, die sie legen, Bienen tanzen Meldungen vor und befolgen sie, ebenfalls aus Instinkt. Sehen wir genauer hin, zeigt sich, dass wir gar nichts darüber wissen, was wir mit Instinkt bezeichnen.

Der Ausdruck ‘Instinkt’ deckelt blankes Unwissen.

Eine Echse schlüpft aus dem Ei. Von Anfang an zeigt sie Fluchtverhalten. Ohne Vorbild, einfach so. Bloss aus Instinkt.

Wen wundert’s, schliesslich kommt Leben auch einfach so im All vor. Aber ich geniesse Verwunderung. Um unser Bewusstsein ist es kaum besser bestellt. Zwar hat sich massig Wissen darüber angehäuft, aber wie das Feuern von Nervenzellen zu einem intimen Gefühl wird, sei es Lust oder Angst, zu einem Ich-Verständnis oder zu einem Gedanken mit Entschlusskraft nach langwierigem Überlegen, das ist trotz aller Bemühung bis anhin ungeklärt geblieben. Lösen wir eine Gleichung, feuern gewisse Neuronen in bestimmten Gehirnbereichen. Das ist auch der Fall, wenn uns ein Aha-Erlebnis widerfährt, wenn wir in Panik ausbrechen oder einen Wutanfall erleiden. Auch Heimweh oder schmerzliche Verliebtheit beruhen auf neuronalen Ereignissen. Logisches Denken, Angst oder Aggression bilden also unterschiedliche Muster neuronaler Ereignisse. Das erklärt nur schwach, jedenfalls höchst unbefriedigend, wie es kommt, dass wir diese Zustände völlig anders erleben.

Die Chancen stehen also gut, dass ein Bienengesummse und ein Rauschen über städtischen Verkehrsknotenpunkten ein und dasselbe sind. Dennoch steht fest, dass wir willentlich zielbewusst auf der richtigen Seite fahren und bei Rot halten und das Abbiegen nach links durch Einspuren vorbereiten. Das entspricht genau dem freien Willen à la Kant, der sich Regeln unterwirft, indem er Notwendigkeiten einsieht, die für alle gelten, zum Beispiel unbeschadet nach Hause fahren zu können. Aber er tut das, damit niemand von der Zentralmacht entmündigt wird, die für die öffentliche Ordnung zuständig ist. Diese Vorsorge berechtigt erst, dass man von einem freien Willen sprechen kann. Jede gesetzliche Neuerung ist genau das, nämlich die Entmündigung aller, wenn gehäuft Einzelne verquer laufen: Gurtenpflicht, Tempobegrenzung, Kontrollen jeder Art.

Das lässt sich auch anders sehen: Wir halten die Regeln aus Schadensbegrenzung ein. Auch das ist eine Vorsorge, wenn auch eher eine ganz persönliche. Wir kommen allfälligen Schulden und überhaupt Aufregungen zuvor. Und all das Rot der Ampeln und Verbotsschilder und Abschrankungen warnt uns davor, dass bei Fehlverhalten unter Umständen Blut fliesst. Von Einsicht in die Notwendigkeiten, die alle angehen, keine Spur, ebensowenig von der Sorge um Mündigkeit, um die eigene ebensowenig wie um die Mündigkeit aller.

Diese Angst scheint mir genauso natürlich wie die Eigenart von Ameisen, Düften zu folgen.

In beiden Fällen ist eine Lenkung im Spiel, die höher geordnet ist. Auch gibt es viel Natur. Mehr, als uns geheuer scheint.

Instinkt, Bewusstsein. In beiden Fällen herrscht im Kern gähnendes Nichtwissen.

Genauso was die Tatsache anbetrifft, dass im Zentrum der Milchstrasse Abermillionen von Wasserstoffatomen alle vierhundert Jahre die Energieebene wechseln.

Wers verstehen kann, der verstehe es.