Terrence Malick’s Dokumentarfilm über Zeit und Leben ist bildgewaltig. Wie üblich in seinen Filmen lässt er uns über die Natur neu verwundern. Aber unser gespaltenes Verhältnis zu ihr bleibt bestehen. Meiner Ansicht nach fehlt zu einer völligen Übereinstimmung mit ihr ein letzter Schritt. Und ein allerletzter.

Der Titel «Voyage of time” stiftet kaum mehr Verwirrung, seitdem relativitätstheoretische Gedankenspiele volkstümlich geworden sind. Ursprung und Rückkehr der Zeit sind ästhetisch eindrucksvoll in Bilder gefasst, ungeachtet der schwierigen Widersprüche, die etwa bei den Versuchen aufkommen, die Tatsache zu verstehen, dass es Schwarze Löcher gibt.

Wichtiger ist die Reise des Lebens innerhalb der Zeit. Wie immer verfällt der Regiesseur keiner romantischen Verklärung, wenn er den Weg zeigt, den das Leben hinter sich bringt. Auch Eigenschaften der Natur, die uns zusetzen, kommen mit zur Sprache, wobei Malick uns Zuseher vor dem Schlimmsten verschont. Im Gegensatz etwa zu Lars von Trier, der hier manch ergänzende Szene einspielen könnte. Sie zeigten dann Kehrseiten, die wir Europäer gerne ins Licht rücken. Wir sehen Raubkatzen ihre Beute verzehren, aber nicht reissen. Fischreiher oder Kormorane schiessen wie Sturzkampfbomber in Fischschwärme, die eigentliche Brutalität, auf die ihr Angriff hinausläuft, bleibt unsichtbar. In einem anderen Film von Malick meint jemand, sie benötige harten Sex, damit sie echte Gefühle empfindet. Aber davon bekommen wir bei Malick nichts zu sehen, ebensowenig das Geschlecht der ersten Menschen, wenn sie nackt über Dünen huschen. Da bleibt Malick amerikanisch.

Angesichts von Vulkanausbrüchen und dem Einschlag eines Kometen, der bekanntlich zum Aussterben ganzer Tierarten führt, wird die Frage aufgeworfen, ob wir aus Liebe geboren sind. Mit Blick auf das weite Meer. Liebe und Zerstörung schliessen sich aus. Im Leben jedoch scheint beides unabdingbar zu sein. Darin liegt der Zwiespalt, den wir kaum verwinden. Im Film sind Gebetsfetzen zu hören, die aus dem Off gehaucht jeden Malick-Film anreichern. Das andauernd zu hören mag gewöhnungsbedürftig sein, diese Gebete zählen zu Malicks Handschrift. Darin wird das Leben, die Natur, oder eben das kosmische Weltganze, das Leben hervorbringt, als «Mutter» angesprochen. Das wirkt zwar besonders spirituell, stärkt jedoch die zwiespätige Beziehung, die wir zur Natur haben. Wenn wir uns aus Kindschaft vom gesamtkosmischen Leben abgetrennt sehen, wirft das schwierige Fragen auf. Zum Beispiel diese: «Warum schweigst du, Mutter?» «Wie erreiche ich dich?» «Wer bin ich für dich?» Oder: «Werden wir ewig zusammensein?»

Das Verhältnis von Mutter und Kind halte ich für ungeschickt, wenn es um das Leben überhaupt geht. Eine klassische Subjekt-Objekt, sprich Subjekt-Subjekt-Spaltung, die die Annahme eines Weltganzen eigentlich zurückweist. Daher muss sie auf Abwege führen, sodass unser zwiespätiges Vebrältnis zum Leben als solchem fortbesteht. Zwar ist der Begriff eines Weltganzen gleichfalls unbefriedigend, sicher in philosophischer Hinsicht. Denn ein Ganzes belegen wir mit der Zahl Eins. Das setzt allerdings voraus, dass es andere Sachverhalte gibt, von denen sich diese Ganzheit abscheidet. Wenn nun aber das Weltganze alles Erdenkliche einbezieht, grenzt es sich von nichts mehr ab. Es bildet somit eine unendliche Ganzheit, für die wir keinen Begriff haben. Also schaffen wir eine Art Eigennamen dafür, der die Lücke verschliesst wie ein Deckel. Zum Beispiel `Gott`.

Unser zwiespältiges Verhältnis zur Natur lässt sich überwinden und damit das Du zum Leben, wenn wir uns im Verhältnis zum Weltganzen verstehen wollen. Das Schweigen der Mutter ist zugleich unser intimstes Schweigen, wenn wir in uns gekehrt sind, um Antworten zu erlangen. In der indischen Denktradition geht es immer um das Weltganze, das sich in unterschiedlichen Seinsebenen entfaltet. Diese Ebenen jedoch gelten als untereinander verbunden, sie durchtränken sich gegenseitig. Genauso, im Vergleich, führt jedes Körpergewebe auf Stammzellen zurück. Eine ursprüngliche Ganzheit, die in ungewisser Form wie verdünnt fortbesteht. Und genauso sind wir weder Teile des Lebens, noch seine Kinder.

Vielmehr sind wir als bestimmt verfasste Lebensform das Leben als Ganzes selbst. Mutter, Vater und Kind in einem, Täter und Opfer zugleich.

Das nötigt zu einer weiteren Schlussfolgerung, die ungemütlich ist. Sie rührt daran, wie wir das Böse bis anhin verstanden. Oder besser missverstanden: Statt das Böse als negatives Du irgendwo verwurzelt zu glauben, entgeht uns die schlichte Tatsache, dass die liebe Natur all das enthält, was wir böse finden: Eierdiebstahl, Rangkämpfe, Kollektivismus, Vernichtung, Ausrottung, Plünderung. Da gibt es einige blinde Flecke zu durchleuchten. Etwa dass Ernährung im Grunde einen Akt der Gewalt darstellt, eine Form mutwilliger Tötung und Zerstörung, da mögen sich Vegetarier noch so moralisch überhoben fühlen. Leittiere werden zur Strecke gebracht, sobald sie Schwäche zeigen. Alles Negative ist da, Täuschung, Massakrierung, Diebstahl, Ausbeutung, Verwüstung.

Und es steht immer im Zeichen einer Verteidigung. Indem wir das Leben als solches sind, jeder und jede für sich, so sind wir auch all die negativen Eigenschaften, die dem Leben gleichfalls seit je zukommen.

Daher sollten wir uns weniger bestürzt zeigen über Fehlleistungen, die man der Menschheit allzuleicht und allzugern anlastet.

Die nötige Reflexion dafür ist uns eigentümlich angeboren. Das zeigt Malick wunderbar an einem der ersten Menschen, der im Wasser watet und irgendwann den Mut findet, sich selbst darin zu betrachten. Damit bricht er ein Tabu, denn er vergewissert sich mehr als einmal, ob die anderen ihn bei dieser sonderbaren Tätigkeit ertappen. Aus dieser Überschreitung erwachsen später soziale Konflikte.

Dank dieser Reflexion wird uns klar, was es mit dem Bösen auf sich hat. Und wir verstehen, dass wir, sofern wir auslöschen, dennoch den Weg des Lebens gehen.

Auch im allfälligen Untergang sind wir eins mit dem Leben.

Mit dem Weltganzen.

Das wäre der letzte Schritt zur völligen Übereinstimmung. Was könnte noch fehlen, wenn nicht die Einsicht, dass mit allem, was gesamtkosmisch vorkommt, eben auch unser gespaltenes Verhältnis zur Natur mit zum Weltganzen gehört. Auch sie hat ihren Platz darin, was immer es sein mag. Und wenn auch nur vorläufig.

Vielleicht.

Diese Einsicht erst wäre der allerletzte Schritt.