Nun fliegen sie wieder, die Glühwürmchen oder Leuchtkäfer. Besucher durchkämmen in Massen den Ort. Ihre Freude liegt auf der Hand, aber wie immer beruht sie auf einem beschränkten Verständnis von Natur.

Solange Dämmerung herrscht, geschieht nichts. Erst in dunklen Bereichen des Waldfriedhofs, in Büschen, in dichten Baumgruppen beginnt der Tanz der Leuchtpunkte. Je dunkler es wird, desto eher ufert das Spektakel ebenso auf die Wege aus. Die Käfer tanzen, als wäre zwischen ihnen ein feines Netz gespannt.

Die vielen Besucher orientieren sich an Tafeln eingangs des Friedhofs. Da gibt es Interessantes zu lesen, Bildung ist ja ein Volksgut: Das Treiben dient nur der Begattung. Das Leuchten im Hinterleib der Käfer geschieht verlustfreier, als es bei jeder Lampe der Fall ist. Nahezu sämtliche Energie wird in Licht umgesetzt. Männchen sterben nach wenigen Tagen der Begattung, die Weibchen nach Ablegen der Eier. Wenig ausführlich wird darüber berichtet, dass die Larve der Leuchtkäfer Schnecken attakiert und vollständig auffrisst. Dieser Mangel gehört mit zur Einseitigkeit an Naturverständnis, die ich meine.

Licht machen ist untersagt, also wird unter den vielen Besuchern immer wieder die Sorge laut, dass man sich verliert. Die Wege bilden tatsächlich ein Labyrinth. Mitunter kommt es zu kleinen Aufregungen, etwa wenn ein Kind unverhofft einen Ohrring vermisst. Unter Besuchern ist man sich fremd. Was wir aber einander offenbaren, ist die Begeisterung an dieser Spielart echter Natur. Eine Art gemeinsamer Intimität, die als solche verkannt bleibt. In dieser Begeisterung schert sich auch niemand darum, dass es sich bei den Leuchtpunkten um ehemals brutale Schneckenfresser handelt. Immerhin als Käfer fressen sie gar nichts mehr. Leuchten und Begattung verbrauchen alle Energie. Weibchen, die am Boden sitzen und unbefruchtet bleiben, leuchten allmählich aus und verenden.

Natur bedeutet Leben, was alle beglückt. Sie steht ebenso für den Tod, der hier allgegenwärtig wäre. Aber wie so oft bleibt er missachtet. Darin liegt, wie erwähnt, die eigentliche Beschränktheit unserer Naturauffassung.

Immerhin schwärmen die Glühwürmchen über Gräbern, wohin man auch blickt.

Nicht umsonst werden sie in Korea als Totenlaternen verehrt. Eine sublime Schicht von Zeugung betört uns, ein tanzender Schaum von Paarung über dem Totenacker.

Und keiner dieser quirligen Lichtpunkte wird seinen Tanz überleben.

Auch wenn unser Gehirn im Verhältnis mehr Energie erzeugt als die Sonne, werden auch wir irgendwann ausgeleuchtet haben.

Und sterben.