Wo sind all die Väter hin? Wo sind sie geblieben?

Jene Väter, die ihre Familien noch führten. Ihre Oberhäupter also, sprich Patriarchen. Noch bis vor Kurzem beorderten sie ihre Brut einzeln mit Schulzeugnis zu Lob und Tadel in ihr Büro an den Schreibtisch. Sie unterbanden geschwätzige Debatten, griffen ein, wenn Mutter und Kind ineinander verstrickt waren und sich im Kreis drehten. Man darf sich glücklich schätzen, dass sie ausgestorben sind. Einige leben heute von Frau und Kind getrennt. Verbittert saufen sie sich zu Tode.

Väter in diesem Sinne bilden eine Art von Vaterschaft, die ich für missverstanden halte. Die Eigenschaften, die man ihr zuschreibt, sind bekannt: Stolz, Unnahbarkeit, Prinzipienfestigkeit, Machtbewusstsein, Rigorosität statt Nachsicht und Wohlwollen. Diese Liste unvollständig. Ich ergänze:

Einsamkeit.

Patriarchen sind einsame Menschen. Solange die Familie richtig läuft, bleiben sie im Hintergrund. Besteht jäher Bedarf, greifen sie ein, ohne dass sie auch nur mit der Wimper zucken. Das mag aus heutiger Sicht beinah übergriffig anmuten. Entscheidend ist, dass dieses beherzte Eingreifen vom Patriarchen auch erwartet wird.

Seine Einsamkeit beginnt da, wo Mütter und andere sein Einreifen als Druckmittel einsetzen, damit sie sich passgenau verhalten.

Denn jene Instanz, die eingreift, darf mit der Brut, über die sie richtet, in keiner Weise verstrickt sein. Dieser Grundsatz gilt auch in der gesamten Rechtsprechung. Ein Richter, der nur annähernd mit dem Angeklagten und seinem Umfeld verbandelt ist, gilt für befangen.

Welcher Vater aber richtet unbefangen über seine Kinder?

Selbst unter dem gleichen Dach lebt ein Patriarch notwendigerweise abgetrennt von seinen Kindern, früher auch von der Ehefrau, indem er zwar gewisse Räume mit ihnen teilt, aber keinerlei Einblick in das intime Leben seiner Person gewährt. Nur so bleibt er der Familie als richtende Instanz übergeordnet, obgleich er mit dazu gehört. Daher rührt seine Einsamkeit. Sie ist also sachlichen Ursprungs. Systembedingt, müsste man sagen.

Vielleicht gehört es zur Tragik der bürgerlichen Familie schlechthin, dass mit dem Herrn Vater eine erste rechtsprechende Instanz in ihre pulsierende Intimität bereits mit eingebaut ist. Ein leidvoller Widerspruch.

Der Patriarch hat eine gewisse Erhabenheit zu pflegen, damit sein Eingreifen sofort gelingt. Nicht dass es etwa noch weitere Debatten auslöst. Man macht sich kaum einen Begriff davon, wie sehr es Menschen verändert, wenn andere vor ihnen unentwegt in die Knie gehen. Eingeschüchterte sind weder Partner noch Gefährten.

Vielleicht liegt es weniger am Stolz der Patriarchen, wenn sie sich an ihrer Brut vergreifen oder sich sonst ungebührlich belohnen, als vielmehr daran, dass sie eben einsam sind.

Die Verklärung einer übergeordneten Instanz, dass sie als rein und erhaben erscheint, begründet ihre judikative Wirksamkeit. Vielleicht hat sich in dieser Haltung eine gewisse menschliche Rückständigkeit bewahrt.

Denn die letzte Instanz, vor der ganze Völker seit Jahrtausenden kuschen, nennt sich Gott. Daran zeigt sich deutlich, dass wir, um uns zu fügen, nur einer richtenden Gewalt folgen, die vom Gefühlsklüngel täglichen Lebens abgehoben ist.

Vielleicht wird man dieses sonderbare Verhalten dereinst der spätanimalischen Phase der Menschheit zurechnen.