Irgendwo im Amazonas galt jemand als Heiler oder Schamane, wenn er in einer Wolke von Moskitos ohne mit der Wimper zu zucken ausharrte.

Das heisst wohl auch, dass er sich dabei nicht auf die Zähne biss. Denn kurzfristige Taperkeit gehört Soldaten im Gefecht. Oder Sportlern, wenn sie brüllen und spucken und ihr Gesicht bei Höchstleistung verzerren. Das hat mit Schamanismus wenig zu tun.

Wie also erträgt man längerfristig solche Unannehmlichkeit? Es geht ja kaum um stechende Insekten, sondern darum, wie man überhaupt mit Dingen verfährt, die uns zusetzen. Und das ist eine graduelle Sache. Das heisst, wir beachten dabei eine gewisse Norm an Verträglichkeit. Niemand verlangt, wir sollten eine offene Flamme auf der Haut eine Stunde lang aushalten. Umgekehrt wäre der Hauch einer Feder als Schmerz schwer nachvollziehbar.

Die Grenzwerte für Verträglichkeit mögen klar sein. Dazwischen aber gleitet die Norm. So ist mir zum Beispiel ein Kleinkind bekannt, das abends in Geschrei ausbrach, wenn es dämmerte. Diese Ursache konnte damals nach aufwändigem Ausschlussverfahren ermittelt werden. Der Bub findet noch heute in den Schlaf, wenn er seinen Blick direkt in eine Lampe richtet. Die Norm an Verträglichkeit wechselt von Person zu Person. Sie verändert sich auch mit den Jahren. Im Dreissigjährigen Krieg hielten sie Schmerzen aus, die uns Heutige um den Verstand brächten. Norm kümmert den Schamanen wenig. Offensichtlich geht es nicht darum, dass er Leid aushält, sondern es selbstverständlich in seine Lebendigkeit im Hier und Jetzt einbezieht. Wie soll das gehen?

Vor Jahren anlässlich einer Bewegungsimprovisation hatten wir uns rücklings auf drei Tennisbälle zu legen. Zwei in den Schultern, einer im Kreuz. Das war schmerzhaft. Der Leiter meinte, wir sollten das aushalten. Anfangs war es unmöglich, dem Reiz zu widerstehen, dass man sich sofort wieder aufsetzt. Mit der Zeit verschmolzen wir mit dieser Unannehmlichkeit. Ohne besondere Leistung bildete sich eine Verträglichkeit aus. Dies geschah, indem wir in gewisser Weise vergesslich wurden. Und zwar dadurch, dass wir aufhörten, diesen rauen Zustand mit einer bequemeren Lage zu vergleichen, an die man sich beständig erinnert. Die Vergleichsarbeit zwischen vertrauter Annehmlichkeit und gegenwärtiger Bürde muss verstummen, damit die Verschmelzung geschieht, auch wenn das Vergleichen ein menschentypisches Verhalten darstellt.

So sanken wir in die Unannehmlichkeit hinein, wurden eins mit ihr.

Dieses eher harmlose Beispiel mag als Fingerzeig dienen. Die Verträglichkeit setzt gewiss Grenzen, aber sie lässt sich verschieben. Aussergewöhnliche Umgangsformen helfen uns zwar wenig als Vorbild. Die buddhistischen Mönche, die sich aus Protest gegen Diem in Südvietnam selbst in Flammen setzten, verkohlten stumm und ohne Regung. Bei aller Achtung vor diesem Verhalten sind wir in Zusammenhänge eingebunden, die solcher Disziplin und ihrer langjährigen Übung keinen Platz einräumen. Und alles, was in den Zirkus gehört wie Messerschlucken, taugt für unsere Frage wenig.

Ein Schamane, oder wer dafür gilt, baut die Unannehmlichkeit sofort in sein Leben ein. Er verschmilzt mit ihr. Das heisst, er fügt sie ein in den Sinnzusammenhang, der für ihn umfassend gültig ist. Wie macht man das? Mit einem Zauberwort? Entweder wir fliehen vor den Dingen, die uns zusetzen, oder wir vernichten sie. Oder wir versinken in Leid und versteinern. Es gibt Formen des Leidens, die sich mit ein bisschen Vergesslichkeit im dargelegten Sinn kaum verwinden lassen. Im Gegenteil wirken sie derart, dass die Erinnerung an bessere Zustände durchwegs angefacht bleibt.

Eine weitere Möglichkeit, die ich sehe, lässt sich niemandem anempfehlen, der an Leid verkrampft. Um beim Bild der Moskitos zu bleiben, fällt mir ein, dass es sich um Mütter handelt, die Blut für ihre Nachlkommen sammeln. Vor Jahren liess ich auf Empfehlung eines Esoterikers eine Schnake auf meinem Arm sich volltanken. Der Stich, eigentlich ein Sägeschnitt, fühlte sich ganz fein an, und die Schnake war so ins Licht platziert, dass ich glaubte, den dünnen Strich an Blut zu sehen, den sie sich einverleibte. Bald liess sie davon ab und schwirrte davon. Das geringfügige Leid, das mir widerfuhr, milderte sich dadurch ab, dass ich mir seine Ursache in ihrem natürlichem Zusammenhang vor Augen führte:

Blut für die Brut.

Wie der Esoteriker es vorausgesagt hatte, bildete sich auf meiner Haut nachträglich keine Erhebung und es juckte auch nicht. Für ihn war es ein liebebvolles Geben und Nehmen. Die Schnake durfte sich sättigen, und zum Dank pumpte sie kaum Speichel hinein, den wir abwehren. In der Tat: Wer weiss, ob nicht unser Widerwille, diese Unannehmlichkeit zu erdulden, die Abwehr verstärkt und so die Verkrampfung, das Leid fördert. Während der Esoteriker sich in seiner Rolle gefiel, freute ich mich an der Sache selbst.

Der Weg des Schamanen beginnt offensichtlich bei der Einsicht, dass auch die Ursache unserer Leiden zum Weltganzen gehört. Ob uns das zusagt oder nicht, spielt keine Rolle. Diese Sicht benötigt mehr Abstand zu den Dingen als gewöhnlich. Die Spaltung von Subjekt und Objekt, von Betrachter und Gegenstand wird klassischerweise als gegeben oder nicht gegeben aufgefasst. Vielleicht müssen wir diese Spaltung genauso für graduell erachten. Dann gibt es mehr oder weniger Abstand zu den Dingen sowie mehr oder weniger Befangenheit bei ihrer Betrachtung. Eine mögliche Tatsache, die für aufgeklärte Zeitgenossen schwer zu schlucken ist.

Dieses Vor-Augen-Führen ist eine Verstandesleistung. Eine geistige Arbeit. Den technischen Ausdruck Zoom-Effekt gebrauchen wir meistens, wenn es darum geht, Dinge heranzuholen. Der Schamane kennt den gegenteiligen Vorgang. In Gedanken zoomt er die Dinge derart von sich weg, dass für ihn nachvollziehbar wird, wie sie zum Weltganzen gehören.

Fotografisch handhaben wir den Zoom-In-Effekt, gedanklich schamanisch den Zoom-Out-Effekt.

Das lässt sich üben. Betrachte zum Beispiel Bilder von Katastrophen, erst natürlichen Ursprungs, dann von Menschen Hand, und zoome heraus.

Nach der Formel: Die Ursache eines Leids hat genau den oder jenen Platz im Weltganzen.

Dieses Zoom-Out-Training könnte, wie jede Schulung, irgendwann zu einer gewissen Meisterschaft führen.