Freitag vor Pfingsten. Berlin kocht über: Feiertagsgäste in Massen, gestiegene Mieten, dazu Sonne. Der Taxifahrer beschwichtigt, solche Zeiten habe es auch schon gegeben. Der besondere Reiz Berlins liegt auch darin, dass es mehrfach Zerstörung und Spaltung hinter sich hat und doch fortbesteht. Man fühlt sich dort auf ungewohnte Art sicher.

Elend links und rechts. Man muss Kleingeld bei sich führen. Pfandflaschen sind neuerdings neben den Eimern zu entsorgen, statt darin, wie uns einst umständlich anerzogen wurde, damit niemand danach wühlen muss. Autokolonnen lauern bei Rot. Ein Typ nutzt die Zwangslage, springt vor und vollführt Akrobatisches. Er kämpft um Kleingeld. Mit Schweiss auf der Stirn.

Man müsste Berlin unter Naturschutz stellen.

In Menschenmassen sich bewegen setzt manche unter Stress, besonders Feinsinnige. Das unablässige Durcheinander von Sinnfetzen überfordert sie. Für mich ist es wie ein Bad nehmen. Grobfühlig wie ich bin, kann ich meine Sinne für gewisse Zeit durchaus verfeinern, um diesen Druck nachzuvollziehen, aber ich bleibe bloss Tourist in diesem Zustand.

Dennoch habe ich mir eine Methode angeeignet, die überhaupt ins Leben unter Menschen passt, nämlich dass ich mir bei allem vorstelle, was ich bruchstückweise zu hören, zu sehen und zu riechen bekomme, es sei daran ein Schild angebracht, auf dem steht:

‘Es hat einen Grund.`

Denn wo Menschen sind, da sind auch Gründe.

Und Gründe lassen sich vermuten, ohne sie zu kennen. Ein Verhalten wird verständlich, wenn man es in seine natürlichen Zusammenhänge eingebunden sieht. Oder eben nur vermutet. Somit mehmen wir mehr Abstand davon, als üblich oder gehörig wäre, damit es für uns sichtbar wird. Oder eben einfach vorstellbar.

Es braucht kein Wissen dafür.

Viele erstarren in ihrem Leid. Sie sprechen unablässig Schuld, mal nach links, mal nach rechts. Sie sinnen auf Gerechtigkeit, die ausbleibt, fordern den nötigen Ausgleich, der auf sich warten lässt. Das bedeutet, die Dinge aus zuviel Nähe sehen. Aber viele machen eben die Erfahrung, dass sie das Leben aufs Gesicht gedrückt bekommen. Sie ringen nach Atem. Sie schielen nach Licht.

Auch sie haben Gründe.

Eben, wo Menschen sind.