In Städten wie Zürich oder Basel stösst man öfter auf Statuen, die Kinder mit Tieren darstellen. Was dahinter steckt, sofern überhaupt, lässt sich nur mutmassen. Ohne zusätzlichen Bescheid gibts hier keine Wahrheit. Wenn ich trotzdem herumdeute, versteht sich das als ein Spiel. Ein Weltspiel: Eindrücke sammeln, Kenntnisse hervorkramen, Zusammenhänge vermuten.

Sandstein, selten Bronze. Ausgehendes 19. Jahrhundert. Zum Beispiel fällt mir auf, wie harmonisch die Darstellungen wirken: Ein Mädchen führt ein Pferd, ein Junge reitet. Ausser vielleicht beim Buben, der eine Gans am Hals gepackt hält, ohne sie zu würgen. Man wird an die unliebsame Tatsache erinnert, dass wir zu töten in der Lage sein müssen, wenn es darum geht, ganze Völker satt zu bekommen.

Im Übrigen benötigt unser Gehirn Fett. Am besten tierisches. Wie Gänseleber.

Ansonst herrscht bei diesen Statuen Einigkeit zwischen Mensch und Biest: Ein Mädchen führt ein Pferd. Ein Junge reitet. Am Badischen Bahnhof schmiegt sich ein Rind hinter ein Mädchen, als suche es Schutz oder halte sich bereit, auf Geheiss der Kleinen aufzustehen. Die gleiche Szenerie findet sich spiegelbildlich gegenüber, diesmal mit Pferd und einem Jungen.

Ebenso leicht bekommt man den Eindruck, die Tiere unterstützten ihre kleinen Freunde. Als wären sie es, die ihnen Sicherhheit bieten.

Das Tier versinnbildlicht natürliche Macht. Es ist die Natur in uns, bei der die Sorge besteht, ob wir ihr ausgeliefert sind oder sie beherrschen. Feldherren goss man auf Pferden reitend in Bronze. Ihre Macht galt für umso grösser, je eher das Tier im Steigen begriffen ist. Ob es trabte oder sein Bein nur hob, bedeuteten dann unterschiedliche Grade an Wirkmächtigkeit seines Reites.

So etwa bei Napoleon am Simplon. Das Tier steht sozuagen auf seinen Hinterläufen. Wie in einer Zirkusmanege. Gerade bei Napoleon ist jedoch in faszinierender Weise unklar geblieben, inwieweit er die Natur in sich wirklich beherrschte oder ihren Regungen folgend Politik betrieb.

Strenggenommen weiss man das nie. Weder bei sich selbst, noch bei anderen. Wie auch?

In protestantischen Gegenden wie Zürich oder Basel ist Selbstbeherrschung besonders wichtig. Beherrsche die Natur in dir und mache sie dir zunutze. Zügle sie, zäume sie auch zugunsten anderer, die mit dir leben. Und wie soll diese Beherrschung vonstatten gehen? Mit Gewalt? Beim Anspruch der Moderne, dass wir uns selbst bestimmen, dürfte sehr wohl, und häufiger als vermutet, mit Selbstnötigung zu rechnen sein. Kliniken füllen sich mit Fällen dieser Art. Denn gewisse Psychiater sehen die Lage noch drastischer, indem sie sogar Selbstvergewaltigung erwägen.

Von diesem Blickpunkt aus betrachtet lesen sich die Statuen von Kindern mit Tieren als ein Wunsch, dass unsere Selbstberrschung harmonisch verlaufen soll. Ich zügle mich und bleibe doch eins mit mir und meiner Natur. Dies auch zugunsten anderer, mit denen ich lebe.

Das würde bedingen, dass wir die Natur in uns annehmen.

Ein schwieriges Unterfangen.

Noch immer.