Man soll mit Kindern über Terroristen reden. In einem Pendlerblatt wird angeraten, das kindliche Gemüt dabei zu schonen. Sie schlagen vor, Terroristen den Kleinen als Personen darzustellen, die meinen, sie dürften schlecht handeln. Das wäre immerhin die Hälfte der Wahrheit. Aber das macht die Sache nur noch schlimmer. Jedenfalls bringt sie kein Licht in diese Dunkelheit.

Es versteht sich von selbst, dass man Kindern vor den Einzelheiten verschont, was die Vorgehensweise von Terroristen betrifft, vor allem auch, was ihre Opfer erleiden. Die Erklärung vom Terroristen als einer Person jedoch, der einfach meint, Schlechtes tun zu dürfen, verrät eher den Widerwillen Erwachsener, sich mit der Angelegenheit eingehender zu beschäftigen. Früher ging der böse Wolf in Geschichten um, die erziehen sollten. Seitdem ist kein greifbarer Fortschritt passiert. Wer sich mit dem Leben von Wölfen auskennt, findet solche Verzerrungen schwer auszuhalten. Also beschäftigen wir uns mit dem Leben von Terroristen.

Vielleicht hilft es, die Empfehlung leicht zu verändern, sozusagen versuchshalber, um zu sehen, was passiert. Etwa so: Terroristinnen könnten Personen sein, die … Aber davon gibt es zu wenige an vorderster Front. Besser wäre: Terroristen sind Menschen, die meinen, sie müssten Schlechtes tun. Das ändert nichts an ihrer Schuld, aber es hilft vielleicht unserem Verstehen auf die Sprünge.

Warum aber soll ich diese Veränderung ernst nehmen, die vorgeschlagene hingegen nicht? Immerhin stellt die Neurobiologie klar, dass ihren Messungen zufolge ein Täter bei seinem Übergriff grundsätzlich aus Verteidigung handelt. Diese Tatsache mildert den Übergriff moralisch, aber gewiss nicht juristisch. Auch ein Vergewaltiger vergreift sich an anderen letztlich aus Treue zu sich selbst. Das klingt fürchterlich. Falls wir aber Angehörige einer Wissensgesellschaft sein wollen, gilt diese Tatsache, auch wenn es schwerfällt.

Terroristen handeln aus Treue zu sich selbst. Aus Sorge um sich. Sie töten dafür. Dabei geht es nicht unmittelbar um die Besonderheit ihrer Person, sondern um die Gruppe, der sie angehören. Sie sehen sie in ihrem Fortbestand bedroht. Religiöse Menschen zum Beispiel verweigern die moderne Lebensart, da seit Jahrzehnten offenkundig ist, was mit Religion unter diesem Einfluss passiert: Sie wird zur Privatsache abgehalftert.

Zum blossen Geschmack. Für uns liegt darin ein zwingender Wert. Andere, die an diesen Zusammenhalt gewohnt sind, erkennen ihren Untergang in brutalster Klarheit. Diese Sorge gilt nicht der Religion an sich, sondern dem zufälligen Umstand, dass sie eine bestimmte Gruppe zusammenhält. Ihre soziale Funktion also. Besser vielleicht ihre politische.

Die Angst um Verlust eines Zusammenhalts kann berechtigt sein. Oder er ist Ausdruck einer übertriebenen Nervosität. Wer entscheidet das? Je mehr Menschen in einem bestimmten Anliegen zusammenfinden, desto eher gilt es für sachlich berechtigt. Für sie zumindest.

Aber wie soll ich von aussen das Anliegen einer Gruppe beurteilen, die sich für berechtigt hält, Terror auszuüben? Noam Chomsky, ein massgeblicher Kritiker der amerikanischen Aussenpolitik, bestätigt mittelbar solche Ängste weltweit, indem er die Bestimmung, mit der die Vereinigten Staaten öffentlich festlegen, was unter Terrorismus zu verstehen ist, auf ihre eigene Aussenpolitik anwendet. Dadurch zeigt er auf, dass die USA nach eigener Definition Staatsterrorismus betreiben. Die jeweiligen Schauplätze, auf die Chomsky sich abstützt, starten bei der Kubakrise. Sie sind weltweit verteilt. Und bis heute ist Chomsky in der Sache am Ball geblieben.

Bemerkenswert ist, dass Chomsky kaum angegriffen wird. Das liegt nicht nur an seinem gewaltigen Ruf als hochrenommierter Sprachwissenschaftler, der sich für ein politisches Engagement nicht zu schade ist. Eine Art ‘to big to fail’ im intellektuellen Bereich. Ein Nachteil kann darin gesehen werden, dass die Belege, auf die Chomsky abstützt, meistens einzelne Aussagen sind oder Begriffe daraus, sodass sie leicht aus dem Zusammenhang gerissen erscheinen. Diese Belege sind jedoch reichhaltig über eine Quellenlage vernetzt, die in der jüngsten amerikanischen Geschichte über Generationen und Jahrzehnten tief geschichtet ist. Wer Chomsky erledigen will, müsste das gesamte Netzwerk an Belegen verarbeiten. Offensichtlich lässt man lieber die Finger davon.

Daraus folgt, dass Terroristen glauben, Schlechtes tun zu müssen, da sie sich gegen einen jahrzehntealten Staatsterrorismus zur Wehr setzen.

Wie gesagt, das wäre die eine Hälfte der Wahrheit, die allerdings die Welt für Kinder wohnlicher macht. Denn so wissen sie, dass es sich bei Terroristen um Personen handelt, die so vorgehen, da sie ihren eigenen Untergang befürchten. Sie handeln aus Angst, und das verstehen Kinder sofort. Der Mensch jedoch, der einfach so aus heiterem Himmel der Meinung ist, er dürfe Schlechtes tun, ist im Vergleich dazu brandgefährlich. Und auch wir Erwachsene schützen uns vor solchen Fällen.

Wenn es sie denn wirklich gibt.

Ein Blick auf die Hebdo-Attentäter könnte auch hier Klarheit bringen. Es waren Franzosen marokkanischer Abstammung, die Eltern früh verstorben, folglich Waisenkinder obendrein. Die Söhne bemühten sich um Anschluss in der französischen Gesellschaft, indem sie Alkohol tranken und Sex vor der Ehe hatten. Aber: Man wollte sie trotzdem nicht. In Europa mag man Syrer eingliedern, aber gewiss keine afrikanischen Muslime. Was die Zugehörigkeit angeht, verblieben die Söhne im Niemandsland. Sie waren zwischen Stuhl und Bank geraten.

Und sie meinten, Schlechtes tun zu dürfen, indem sie die Redaktion einer satirischen Zeitschrift massakrierten. Man hatte sie in den Pariser Vorstädten sozial sterben lassen, noch bevor sie auch nur irgendwo vollwertiges Mitglied einer bestimmten Gruppe geworden wären.

Da kommt mir unverhofft die Frage, warum ich als Mensch eigentlich so dringend Teil einer Gruppe sein muss. Früher mag das einsichtig gewesen sein. Die moderne Lebensform jedenfalls macht Zugehörigkeit überflüssig. Diese Frage geht gleichermassen jene Nationalisten oder Volkstümler an, die Überfremdung fürchten, nicht nur Terroristen.

Vielleicht wird man irgendwann das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit als eine Form der Rückständigkeit bedauern. Das betrifft sehr wohl auch den Nationalismus, der zur Zeit wieder auflebt.

Ein Reflexverhalten, das auf Zeiten zurückgeht, da Menschen noch in Gruppen überlebten.