Man ist leicht beeindruckt, wenn Politiker oder sonstige Mandatsträger vor Mikrofone treten und im Tonfall reinster Sachlichkeit kundtun, wie sie in einer bestimmten Angelegenheit entschieden haben und was ihre Gründe dafür sind. Nach all den Jahren bin ich dagegen jedoch ziemlich unempfänglich geworden.

Offiziere legen sich da vorbildhaft ins Zeug, wenn sie ihre Strategien befehlen. «Ich orientiere», rufen sie. «Erstens, zweitens…». Militärische Übungen sind denn auch eine wenig verzwickte Angelegenheit. Wer dort hinter die Kulissen blickt, staunt über das Durcheinander, das da trotzdem gerne zustande kommt, auch über Zufälle, die einen taktischen Entscheid begünstigen und dann lobend zur Sprache kommen.

Als wären sie geplant gewesen.

Bei einer Fahnenübergabe im Anschluss an zwei Tage Übung quer durch die Schweiz standen unsere Radpanzer in Reih und Glied auf einer Anhöhe im Glanz der Morgenröte, während das Spiel aufmarschierte und die Presse Fotos schoss. Ein Anblick reinster Ordnung und Disziplin. Glücklicherweise kam niemand auf die Idee, eine Luke zu öffnen. Was hätte man da nicht alles zu Gesicht bekommen: Herumliegende Socken, feuchte Kippen, gequetschte Bierdosen, Pornohefte. In mindestens einem Fall wäre sogar ein Schnarchen zu vernehmen gewesen. Angeblich soll sich ein Schütze während des Anlasses in seinem Turm verkrochen haben.

Die meisten Beschlüsse, die wir der Öffentlichkeit vorstellen, wirken deshalb so sachlich, weil sie linear sind. Oder eindimensional. Oder flach. Sie ziehen sich wie ein Faden durch ein Dickicht von Gesellschaft.

Damit der klare, sachliche Entscheid möglich wird, gilt es, mehr von der Welt auszublenden, als davon ernst genommen wird. Argumentiert wird schmal und klar. Eben sachlich und zielbewusst. Vor lauter Dickicht verheddert sich irgendwann der Faden, schlägt Haken wie ein Hase, bevor der sich versteckt. Deshalb findet manche Sitzung hinter verschlossenen Türen statt. Dem Bundesrat steht das sogar als Recht zu. Die Streitereien, die dort ausgefochten werden, sollen uns vorenthalten bleiben, und das ganze Durcheinander, das dadurch zwischenzeitlich gestiftet wird

Ein Soziologe hat überzeugend dargelegt, dass wir mit dem, was wir öffentlich verlautbaren, nachträglich Situationen glätten und beschönigen, die chaotisch verlaufen sind.

Und die Hirnforschung setzt der Sache ein Sahnehäubchen auf, indem sie klarstellt, dass es keine Entscheide gibt, die nicht von Gefühlen mitbestimmt sind.

Sachlichkeit ist ein Wunschbild. Zwischenzeitlich mag sie gelingen.

Uns bleibt aber nur ein Hauch davon.