Moongirls Kleine klingelt an der Nachbarstür, wo zwei ihrer Kameradinnen den freien Nachmittag verbringen. Sie bittet mitspielen zu dürfen. Unabhängig davon, wie die Sache ausgeht, denke ich mir die Möglichkeit aus, ihr Beispiel als fröhliches Kind, das zu seinen Anliegen steht und direkt nachfragt, könnte in der dortigen Familie als Vorbild Schule machen, sollte sich das Nachbarskind gerne zieren, wenn es mit Aussenstehenden in Kontakt treten soll.

Dann wäre es nur die Hälfte der Wahrheit.

Denn diesem mutigen Schritt ging eine Phase der Unschlüssigkeit voraus. Die Kleine haderte erst mit Langeweile, dann mit der Tatsache, dass sie zum Mitspielen nicht berücksichtigt war. Der Vorschlag, kurzerhand zu klingeln, sich also in die Höhle des Löwen zu wagen, sollte eine Lösung bringen. Auf ihren Wunsch hin ging ich mit ihr hinaus, doch auf halbem Weg fand sie, meine Begleitung könnte für sie peinlich ausfallen, ebenso ihre verheulten Augen. Also wartete ich mit ihr hinter der Hecke. Irgendwann unternahm sie Vorstösse in Richtung Haustür, huschte jedoch zurück und vergrub ihr Gesicht in meinem Bauch. So verging die Zeit, bis sie auf einmal loshüpfte und die Klingel drückte.

Erst damit ist die ganze Wahrheit erschlossen. Die Vorgeschichte zu diesem selbstbewussten Auftritt gehört dazu, aber sie bleibt gerne unerzählt. Unter Menschen dürfte es öfters genauso zu und her gehen: Wir nehmen Glanzlichter für die ganze Wahrheit. Das könnte jedem getrost überlassen bleiben, wenn wir uns und andere mit diesen knapp belegten Idealen nicht andauernd unter Druck setzten. Die Vergleiche belasten immens: Familie Soundso tritt mustergültig auf, besitzt einen Wintergarten erster Güte, hat dauernd aufgeräumt ums Haus. Wir schliessen auf eine Idylle, die uns beschämt, ungeachtet dessen, dass wir vom Meisten, was sich hinter verschlossenen Türen abspielt, gar keine Ahnung haben.

Auch Schandflecke nehmen wir gerne für das Ganze, sobald sie auftreten. Die Aburteilung ist dann genauso dürftig und peinlich wie das Ideal im vorzüglichen Falle.

Wer auf der Grundlage knapper Information ein Urteil fällt, das den Anspruch erhebt, es beleuchte die gesamte Sachlage, bekommt ein Armutszeugnis vorzüglich dann ausgestellt, wenn er sich für aufgeklärt hält. Vielleicht muss man dieses überstürzte Vorgehen ökonomisch begreifen, im Sinne jener Rechnung, die wir anstellen, wenn uns schon genug beschäftigt hält.  Das flache Urteil sorgt dann einfach für den nötigen Abstand zur Welt. Oder es wirkt als Druckmittel.

Beides ist roh und taub. Demnach eher ein Reflex. Also eine Art kultureller Reflex, sofern es das gibt.

Daher habe ich es mir angewöhnt, die gängige Meinung zu übersehen, indem ich einfach gegenteilige Tatsachen ersinne, die Ausgleich schaffen, als blickte ich hinter verschlossene Türen. Das nennt sich Realphantasie. Sie empfiehlt sich unter anderem bei Anfällen von Minderwertigkeit gegenüber Mitmenschen, deren Leben scheinbar untadelig abgeht.

Glanzlicht eignet sich als Metapher, denn niemand bedenkt, wenn er sich darin sonnt, dass es Energie verbraucht.

Vergleichbar mit dem Wechselbad an Gefühlen, nämlich Zorn, Angst, und Scham, das die Kleine durchlitt, bevor sie für den glanzvollen Schritt bereit war.