Die Leute von Google legen eine Betriebslehre vor, die selbst neuste Unternehmen altmodisch dastehen lässt. Technik ist revolutionär, sagen sie. Also muss es auch das Management sein. Und der revolutionäre Gehalt von Googles Führung geht über die Zulassung von Schlafsesseln weit hinaus.

Laut Google gehört zum Kerngeschäft der Führung das Einstellungsverfahren. Sie empfehlen «Streber und Freaks» auszulesen [p 82]. In erster Linie aber gute Techniker, so genannte «smarte Kreative». Und: Man soll ihnen alle Freiheit der Welt lassen. Sie bekommen unbeschränkte Rechenleistung und Zugang zu sämtlichen Informationen der Firma. Zitat: «Man muss Vertrauen in seine Leute haben und genug Selbstvertrauen, um sie den besseren Weg finden zu lassen [p 51].

Google arbeitet unentwegt am Kerngeschäft, lässt Finanzprognosen ausser Acht und verliert keine Zeit mit Marktanalysen. Ihr Rat: Höre auf die Techniker und nicht auf das Marketing. Die klassische Struktur von Befehl und Kontrolle, wo die Führung sich Informationen zutragen und Entscheide «zurückfliessen lässt», wird dadurch vollständig aufgehoben. Solche Strukturen stehen sich selbst im Weg. Dabei zitiert Google Steve Jobs Maxime, dass wir von Ideen getrieben sein müssten, nicht von Hierarchien [p 22]. Auch die bisherige Büroeinrichtung, wo Führungskräfte geräumige Eckplätze besetzten, gehört zugunsten lebendiger Interaktion ausgerottet. Zitat: «Stopfen Sie ihre Büros voll mit Menschen und Annehmlichkeiten» [p 50].

Ist das Leitbild authentisch oder nicht? Das ist die Frage. Google anerkennt, dass Menschen «feine Sensoren für Bullshit haben», wenn es um Firmensprache geht [p 42, 43]. Google hat verstanden, dass man, will man erfolgreich sein, den Menschen auf Augenhöhe begegnet, unabhängig ihrer Aufgabe und ihres gesellschaftlichen Standes.

Besonders wertvoll scheint mir die Einsicht, dass der Erfolg von Unternehmen davon abhängt, ob die Mitarbeiter dem Leitbild ihrer Firma Glauben schenken oder nicht. Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Und es sollte besonders jenen Managern zu denken geben, die gerne im Alleingang Entscheide fällen, ungerührt der Tatsache, dass eine Mehrheit von Mitarbeitern davon betroffen sein wird, die wie er nach bestem Wissen und Gewissen vorgehen. Wer aber Verantwortung schultert, riskiert seinen Hals. Er will für seine Entscheide auch geradestehen. Im Notfall jedoch wird Schwarz-Peter gespielt. Auch sind viele Mitarbeiter keine Anteilseigner. Und wer kein eignes Vermögen aufs Spiel setzt, hat auch nichts mitzuentscheiden. So die Meinung und das Gebaren herkömmlicher Unternehmer. Genau solche Denkweisen will Google ausmerzen, wie es den Eindruck erweckt.

Google richtet sich mehr nach der Natur im evolutiven Sinne. Eine Art «Ursuppe» kreativer Interaktionen soll Ideen hervorbringen wie Mutationen. Gute Ideen finden Anhänger und schaffen den schwierigen Weg bis zu ihrer Verwirklichung. Andere blieben zurück, versickern irgendwo [p 204]. Genauso findet ein Bienenschwarm zum notwendigen Entscheid, in welche Richtung er weiterfliegen soll.

Die Eigenart technischer Entwicklung, die hingegen revolutionär abgeht, verbietet langfristige Planungen. Überhaupt würde eine Planung, die nach betriebswirtschaftlichen Richtlinien formkorrekt gefertigt ist, bei Google «abgestossen wie ein fremdes Organ». Eine interessante Haltung, wenn man bedenkt, dass in Buchhandlungen ganze Etagen mit Literatur zu jeder Form von Management zugestopft sind.

Früher hiess es: Vermeide Fehler, halte Risiken klein! Das aber «erstickt smarte Kreative», so Google. Stattdessen gilt Tempo und Qualität. Die Fixierung auf die Konkurrenz findet so weder Raum noch Gehör. Sie würde ohnehin nur zu Mittelmässigkeit führen [p 95].

Google empfiehlt, insgesamt betrachtet, dass man gängige Rezepturen in den Wind streicht. Abgesehen davon, dass das selbst eine Rezeptur ist, wird hiermit an ein Grunddrama menschlichen Daseins gerührt, das uns seit je umtreibt. Nämlich: Soll ich mich auf Rezepte verlassen, die man mir beibringt? Die vielleicht sogar für heilig gelten? Oder höre ich auf mein Bauchgefühl, auf meine Intuition, was immer das sein mag?

Auch die Rezeptur, die Google vorlegt, ist keine Garantie für Erfolg. An Mut zu ihrem Vorgehen fehlt es sonst wohl deshalb, weil man etablierte Rezepturen gewissenhaft und aktenkundig befolgt, damit man im Notfall die Verantwortung abgibt, indem sich Punkt für Punkt belegen lässt, dass man nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat. So entsteht natürlich kaum etwas Neues.

Wer aber garantiert mir, dass Google eine Methode anbieten, die auch anderswo Blüten treibt? Vielleicht haben sie einfach die nötige Frechheit gehabt.

Oder einfach nur Glück. Vielleicht gehört es zu diesem Entwicklungsschub an denkenem Leben auf Erden, dass sich im bunten Gewimmel des Internets notwendig Serverfarmen herausbilden und damit irgend eine Ordnung schaffen. Auch die Natur sortiert ihre Bereiche, auch wenn sie uns chaotisch erscheint. Sie schafft Ordnung durch Vorgänge, die man genauso als Zentralsierung, Gleichschaltung, oder Sauronisierung beschreiben könnte. Dieser Schub passierte natürlicherweise, und aus gewissen, womöglich zufälligen Gründen traf es Google, Amazon und so fort.

Methodik hin oder her. Aber wer garantiert mir das?

Oder das Gegenteil, nämlich dass es nur an der Methode liegt. Oder an der bewussten Nicht-Methode?