Fantasy eignet sich für Träumer in ihrer Flucht vor der Wirklichkeit. Diese Meinung nehme ich teilweise zurück. Fantasy spiegelt Wirklichkeit auf eigne Art. Aber das sogenannt Böse an sich wird derart naiv dargestellt, dass bei mir Vorbehalte bleiben. Denn diese Naivität, man könnte auch sagen Abstraktion oder Vereinfachung, hat seit je eine Aufgabe in der politischen Wirklichkeit. Eigentlich ist sie ein verbrecherischer Übergriff. Oder ein Stück dumpfer Natur. Auch bei Fantasys wie ‘Herr der Ringe’ wird diese Naivität weiter gepflegt statt kritisch überwunden, zumindest was den Hauptbösewicht und seine Helfer anbetrifft. Die Geschichte wäre dann auch weniger knackig, wenn es nichts rein Böses zu bekämpfen gäbe. Das mag zur Unterhaltung genügen, was für sich genommen durchaus seinen Wert hat. Leider gibt es aber auch in der Wirklichkeit Personen, die davon überzeugt sind, dass es irgendwo da draussen etwas gibt, das durch und durch böse ist. Und sie rüsten sich frühzeitig dagegen und wittern tausend Anlässe, die sie bestätigen.

Vor allem nötigen sie andere, es ihnen gleich zu tun.

In ‘Herr der Ringe’ sehe ich zwei politische Kräfte am Werk. Sauron steht für Zentralisierung und Gleichschaltung. Sein Ring setzt alle anderen Ringe ausser Kraft. Und ein Ring, so heisst es, verkörpert den Willen zu politischer Führung. Gandalf und Gefährten hingegen bemühen sich um den Erhalt von Selbständigkeit, sprich um Förderalisierung, wo Bündnisse eine wesentliche Rolle spielen. Saruman als Beamter der Zentralisierung meint, nur grosse Macht könne Böses binden. Daher empfiehlt er, dass man sich unterordne. Gandalf ist anderer Ansicht. Das Böse werde dann ferngehalten, wenn kleine Völker rechtschaffen und bescheiden alltäglich kleine Dinge tun. Daher nimmt er den Hobbit Bilbo mit, als sie gegen den Drachen ziehen, damit der Kleine ihn stündlich an dieses Anliegen erinnert.

Diese Spannung durchzieht die gesamte Menschheitsgeschichte. Das Anliegen der Völker gegen ihre Gleichschaltung liegt auf der Hand.

Worin aber könnte Saurons Motiv liegen?

Machtgier und Rache als Erklärung mögen der Geschichte genügen, mir nicht. Diese dürftige Klarheit bedeutet eben diese naive Vereinfachung des Bösen. Im Grunde wird damit das Wesen Sauron halbiert. Was für sich genommen schon darauf hindeutet, dass er bekämpft wird.

Die Geschichte zeigt ihre Figuren sonst sehr umsichtig, ausser Sauron. Die Gespaltenheit eines Smeagol sprich Gollum wird auch bei vielen anderen Charakteren kenntlich, wenn auch nicht in so dichtem Wechsel zwischen vertrauensseliger Hingabe und eisklarem Zweifel mit Abwehr. Freundlichkeit verkehrt sich jäh zur Fratze, die Stimme wird tief und bestialisch. In dieser Art vertreibt sogar Galadriel einen nur bedingt erstarkten Sauron. Selbst Gandalf kehrt derartige Reserven heraus, als er den alten Bilbo zurechtweist, wie er dem Ring anhaftet. Sam und Frodo teilen diese Gespaltenheit gegenüber Gollum, wobei Frodo die Kreatur zwischenzeitlich in Saurons Manier erpresst, ihn also bindet und versklavt. Ein älterer Hobbit verzieht grundsätzlich eine Grimasse, wenn jemand sich seinem Anwesen nähert. Auch die Trollvölker fühlen sich von den Gefährten bedroht, die heimlich und bewaffnet ihr Gebiet durchziehen. Aber wir sehen sie nur in ihrer Fratzenhaftigkeit und lassen es mühelos und genussvoll zu, dass man sie verklopft und absticht wie die Orks.

Die politische Wirklichkeit, dass man den Gegner entmenschlicht, wird im Fantasy unhinterfragt hingenommen.

Dabei handelt es sich um einen politischen Trick. Denn so wird jedes Mittel gebilligt, das der Gegner erleidet. Es ist ja nichts Menschliches an ihm. Zugleich bewahrt sich der Held, der diese Mittel ins Feld führt, dadurch seinen Edelmut.

Auch die Völker, die ihre Versklavung durch Sauron verhindern, sind in ihrer Weise sehr wohl zentralisiert. Auch sie müssen sich einem Befehl unterordnen. Zum Beispiel als die Menschen Rohans in die Festung Helms Klamm verlegt werden. Die Soldaten trennen feinfühlig Familien, weil alle wissen, was auf dem Spiel steht. Das ist rührend zu sehen. In Wirklichkeit wäre auch hier Gewalt nötig, denn selten bis nie beugen sich alle Betroffenen ohne Weiteres einer bestimmten Anweisung auch innerhalb des gleichen Gemeinwesens.

Die halbnomadischen Stämme der Veden sahen einen natürlichen Wechsel zwischen friedlicher Niederlassung, wo sich die Gemeinschaften föderalisierten wie die Völker Mittelerdes, und der so genannten «Anschirrung», wörtlich dem «Yoga», als man sich einem Befehl ergab, da man weiterzog oder kriegerisch unter Druck geriet. Im Notfall kann man nicht herumdebattieren, man lässt sich anschirren. Schonung nimmt ab. Das Bild der Unterjochung erhält so den richtigen Sinn. Vielleicht besteht zwischen „Joch“ und „Yoga“ eine etymologische Gemeinsamkeit. Auch Leittiere setzen sich im Rudel oft unzimperlich durch. Bienen schütteln schläfrige Arbeiterinnen, kurz bevor das Volk weiterzieht.

Die Anschirrung Saurons wird verweigert. Vielleicht zwingt uns die Geschichte in den Blickwinkel einer Gruppe treuer Gefährten, die den Zweck dieser Zentralisierung nicht sehen. Die Veden zeigen, es gibt keine Anschirrung ohne Notlage.

Was also ist die Notlage Saurons?

Rache und Machtgier so verständlich zu machen, fällt mir schwer. Wenn ich nun den Faden weiterspinne, steige ich aus der Geschichte aus. Das mag man für unzulässig halten. Tolkien und sein Blick auf den 1. Weltkrieg, die gewaltige Resonanz in der Öffentlichkeit, Peter Jackson, die Darsteller und ihr Engagement, das 20. Jahrhundert und das Kinopublikum, das weinte, als Frodo seine Himmelfahrt antrat, wir alle verbleiben in der gleichen Wirklichkeit als Teile von ihr, mit allen Nuancen und Schwerpunkten. Also spielt es keine Rolle, ob ich in der Geschichte bleibe oder nicht.

Eigentlich ist die Abstraktion Saurons sehr aufschlussreich. Seine Entmenschlichung ist derart vollständig, dass er als Phantom erscheint, als katzenartiges Auge. Vielleicht versinnbildlicht er den blossen Verstand, der von den Völkern Mittelerdes in ihrer natürlichen Vielfalt überfordert ist. Gerne stelle ich mir vor, die Geschichte zeichne die inneren Konflikte einer Person nach, die ihr psychisches Chaos vernünftig ordnen möchte, damit sie zur Ruhe kommt. Jemand, der sich selbst versklavt fühlt und seine Hoffnungen und Sehnsüchte zum Verstummen bringen möchte. Irgendwann erliegt er dem Versuch, seine seelischen Impulse zu «knechten, sie ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.» Die Versuche erschöpfen ihn, stattdessen fällt sein Verstand.

Das versteht sich wohl als intime Ökonomie.

Die Geschichte wäre so gedeutet das Drama einer Selbstvergewaltigung, die in Zeiten persönlicher Autonomie wohl gar nicht so selten vorkommt. Das wird auch bei Smeagol deutlich, wenn er im inneren Widerstreit andauernd von Gollum gebunden wird. Der Kampf zwischen Überlebensverstand und gewachsener Natur wird zum inneren Brudermord, wie bei Smeagol und seinem Freund, als sie um den Ring streiten.

Umso mehr gibt das Böse an sich weiter zu denken. Die blosse Fratze bezweckt maximale Sicherheit. In der Natur wird sie stets zur Verteidigung eingesetzt. Eine Raubkatze vollzieht keine Miene, wenn sie ihre Beute erlegt. Das Gesicht des Bösen mit scharfen Zähnen und glühenden Augen bedeutet eine Anstrengung, die nur im Angriff das letzte Mittel gegen eine Bedrohung findet. Die Wut, die eingesetzt wird, versteht sich als eine Art Sicherheitszorn.

Maximale Sicherheit lässt auf maximale Angst schliessen.

Was Menschen stresst, sind meistens andere Menschen. Es ist die Freiheit der anderen, die uns Sorgen bereitet. Daher möchten wir sie binden. Vielleicht sollten wir das anders sehen. Uns müsste eher die Zwangslagen anderer beschäftigen. Gefährlich ist vielmehr ihre Unfreiheit, denn so werden sie zu meinem Schaden über ihre Grenzen hinaus geschoben. Und wenn man sie dazu noch bindet, wird ein brutales Drama offenbar, das in der Wirklichkeit vorherrscht, im Fantasy aber keine Rolle spielt.

Ich persönliche glaube nicht an das Böse an sich. Die Lektüre von «Herr der Ringe» hat hingegen eine Vermutung darüber bestätigt. Demnach versteht sich das Böse an sich als eine Projektion, die wir vorsorglich auf unsere Umwelt richten, damit wir uns maximal auf mögliche Gefahren bereithalten, die daraus hervorbrechen können.

Je fratzenhafter wir uns dieses Böse ausmalen, desto sorgfältiger halten wir uns bereit.

Natürlich bietet die Umwelt Anlässe dafür. Und sobald wir unser Gesicht zur Fratze verziehen, werden wir selbst als Böses erkannt. Die naive Vereinfachung Saurons hat diese Lesart möglich gemacht. Nämlich dass das Böse an sich in uns stattfindet.

Und zwar als eine instinkthafte Projektion nach aussen.

Somit als ein Mittel zu maximaler Sicherheit.