Wenn gelogen wird, muss man sich einmischen, so Max Frisch in den kürzlich erschienenen Interviews. Interessant von ihm zu hören, der doch eine der bekanntesten Lügen in der Literatur geliefert hat: Nämlich die: „Ich bin nicht Stiller.“ Aber seine Haltung versteht sich doch von selbst. Für mich haftet ihr eine Biederkeit an, die eigentlich überholt wäre.

Jemand hintergeht andere auf heimtückische Weise, wenn er lügt. Da gilt nach wie vor kein Pardon, keine Umwertung für mehr Einsicht. Man hat schon manches Fehlverhalten in ein milderes Licht gerückt, die Lüge nicht. Oder kaum.

Wir halten am Schuldspruch fest, als sicherten wir uns in Zeiten beliebiger Umwertung einen letzten Rest an Schneid. Die Strafe ist zumeist sozialer Art, etwa in Form von Abkehr oder Distanznahme. Bei aller Verwerflichkeit, die sich aufbieten lässt, um die Lüge anzuprangern, bleibt für mich der Eindruck bestehen, dass wir uns auch gekränkt fühlen und im Selbstwert brüskiert, wenn man uns derart ruchlos übervorteilt. Perfide Hintergehung müsste jedoch als Grund zur Beanstandung genügen. Kommt Kränkung dazu, wird die Sache übergriffig. Ein Pädagoge von früher meinte, wenn ein Kind lüge, habe das mit seiner Person nichts zu tun, sondern mit Sachlagen, bei denen er lediglich eine Rolle neben anderen spielt. Das wäre ein frühsystemischer Ansatz, der unbekannt blieb.

Wider Erwarten aber lässt sich auch das Lügen umdeuten, ob es nun kränkt oder nicht. Das hohe Mass an Schuld, das dabei gesprochen wird, setzt voraus, dass ein Lügner aus einem gewissen Spielraum heraus die Möglichkeit der Lüge erwägt und ihr schliesslich den Vorzug gibt. Nur entspannte Wahlfreiheit, also Vorsätzlichkeit, da man die Dinge kalkuliert, rechtfertigt ein scharfes Urteil.

Aber: Niemand lügt freiwillig.

Es sei denn ein Kind, das ausprobiert, wie es ist zu lügen. Dieser Grundsatz könnte einem radikalen Humanismus zugrunde liegen. Er gilt für Einzelpersonen wie für Gruppen: Ministerien, Firmen, Oligarchien. Dieser Grundsatz bleibt jedoch ungeprüft, weil ihm zahllos viele Einzelfälle entgehen, die gestern und heute und morgen unter Menschen verstreut sind.

Allerdings gibt es Argumente dafür: Niemand erwägt gelassen eine Lüge. Sie ist zwar ökonomisch, was Mittel und Ertrag angeht, aber sie bleibt risikobehaftet. Damit schliesst sich ein Kreis. Denn das hohe Risiko ergibt sich von daher, dass man Lügen strikt ahndet. Auch ist in Rechnung zu stellen, dass jemand, der mit Erfolg gelogen hat, in jedem Spiegel einem Lügner begegnet. Mindestens der Lügner weiss, dass er ein Lügner ist. Oder: Wer lügt, weiss, dass er in einer Welt lebt, in der gelogen wird. So wird er selbst ein Opfer.

Dieses Wissen wird ihn einholen. Spätestens dann, wenn er vom Sterbebett aus Bilanz ziehen wird. In der Regel vermeiden wir tunlichst Makel, Lügner zu sein, auch vor uns selbst.

Oder man kann sagen: Niemand handelt sich aus entspannter Wahlfreiheit ein solches Selbstbild ein.

Gelogen wird unter Druck.

Das sollten die Wächter strikter Ehrlichkeit in Erwägung ziehen. Man müsste ihnen in neutestamentarischer Manier zu bedenken geben, dass derjenige den ersten Stein werfen soll, der niemals, ob nun wissentlich oder nicht, auf andere Leute Druck ausgeübt hat und ihnen so die Lüge als Mittel nahelegte.