Verständlich, wenn die moralische Verrohung wichtiger Märkte beklagt wird. Aber dieses Unwesen ist unser aller Unwesen. Auch öffentliche Einrichtungen sind mittlerweile davon befallen. Der Markt soll von selbst ablaufen. Wie eine Natur. Daher kennt er notwendig keine Moral. Betrogen wird denn auch überall. Der Wettbewerb schafft Anreize dafür, heisst es. Bei Banken liegt der Betrug ohnehin schon seit je in ihrem Wesen angelegt.

Und es ist eben dieser Betrug, der sie von einem blossen Tresor unterscheidet.

Denn im Anfang jener Zeit, die wir für die Moderne halten, lebte der Urbanker, der da war kein Kaufmann mit doppelter Buchführung, auch kein Fürst, der aus Schatullen und von Ländereien lebte, sondern ein Schmied. Denn er als Einziger fertigte Tresore an. Die Bürger, vom jungen Fernhandel bereichert, legten ihr Vermögen in Münzen ein. Und sie bekamen für ihr Guthaben eine Quittung ausgestellt, vom Fürsten gesigelt, der verstanden hatte, dass mit bürgerlichem Reichtum höhere Steuern winkten und damit mehr Macht in einem doch eher unsteten Europa. Ein neues Bekenntnis, der Protestantismus, kam gerade zupass. Schliesslich bestand bei Reichtum das theologische Problem, dass man in ein verfrühtes Paradies eintrat und als Sünder womöglich durch böses Geschick doppelt zerschmettert würde. Aber nach neuem Bekenntnis wurde Reichtum gleichgesetzt mit der Freude Gottes über den fleissigen Wirtschaftsmann. Im Übrigen fielen Steuern nach Rom aus, und die Reliquien erbrachten traumhafte Erlöse.

So ward das Problem vom Tisch gefegt. Schon wieder eine Religion, die sich am Praktischen orientierte.

Das Ganze erfuhr eine wundersame Beschleunigung, als der Schmied, nun zum Hüter der  Einlagen berufen, sprich zum Banker, auf einmal bemerkte, dass der Tresor nie leer war. Also würde er immer Bares ausgeben können, falls es jemand einforderte. Sobald die Belege für seine Feststellung mehrfach bestätigt waren und nach allen Seiten erhärtet, gab er zu den Quittungen noch Schuldpapiere für Kredite aus, auf die der Fürst beinah schon von selbst sein Sigel knallte. Nun waren für die gleichen Münzen zwei Papiere zum Handeln ausgegeben.

Und das belebte den Markt. Wertschöpfung gedieh und schäumte auf im Volk. Zu unser aller Freude!

So kommen wir als begünstigte Teilnehmer am Markt in gnädiges Abnicken von solchen Tricks und Kniffs.

Zwei, drei Papiere in Umlauf, und sie vertreten den gleichen Wert! Diese Massnahme ist praktisch und in hohem Masse einträglich. Der Wettbewerb untersagt strikt den Verzicht auf Kniffe dieser Art. Sie beim Schopf packen für satte Renditen ist  sogar Pflicht am Unternehmen und mittlerweile an der öffentlichen Einrichtung. Das ist die minimalste Moral am Markt.

Schlimmer noch: Die maximalste.

Möglichkeiten, die praktisch und naheliegend sind, geniessen deswegen keine harmlose Sachlichkeit, wie Gläubige des Marktes verkünden. Sie sind dann zur Hand,  wenn die Lage sich verengt. Wären doch all die Notlügen sichtbar, die Abertausenden von uns den Schlaf rauben. Wären sie doch zählbar, diese Tricks und Kniffs, die wir als praktische Konstruktivisten aus allen Taschen zaubern, sobald wir unter Druck geraten. Oder sobald wir Optimierungen wittern, die handlich und billig zu verwirklichen sind.

Je mehr Menschen von solchen Kniffs Vorteile geniessen, desto rechtmässiger erscheinen sie uns.

Bei dieser Sichtbarkeit, sprich Transparenz, käme auf der Hand zu liegen, was das Unwesen der Banken ist:

Nämlich unser aller Unwesen.