Beim Durchwühlen der Dinge fiel mir letzthin ein kleiner Wandteppich aus Kreta in die Hände. Das Stück Stoff hatte mich über all die Jahre durch manche Wohnung begleitet. Frisch gewaschen erstrahlten seine Farben wie neu. Ein grober, roter Stoff, in den farbige Dreiecke eingewoben sind, mehrfach länger als breit, eine Art Läufer für an die Wand. Meiner Partnerin jedoch missfiel sein Rot. Ja, dieses Rot, murmelte ich. Ob es ihr blutig vorkomme, fragte ich unvermittelt. Sie meinte, nein und war verdutzt, warum ich das fragte.
«Daran hängt eine Geschichte», sagte ich und rollte den Wandbehang wieder ein.
Anfangs der 90er-Jahre, als ich kaum Zwanzig war, hatte ich den Wandbehang in einem kretischen Dorf gekauft. Wir waren als Touristen unterwegs, in einem windigen Februar zur Zeit der Olivenernte. Schon sehr bald verwünschte ich meine Feigheit, dass ich meinem plötzlichen Bedürfnis zu reisen nicht auf eigene Faust nachgekommen war. Stattdessen hatte ich mich an den Rockzipfel einer Touristengruppe gehängt, von der die meisten Teilnehmer um Einiges älter waren als ich. Die Winde machten mir zu schaffen. Das lauwarme, pampige Essen widerstand mir sehr bald. Unser Hotel hatte eigens für uns Touristen geöffnet, die laut Ausschrieb der Reise ein Kreta ohne Touristen erleben sollten. Eigentlich eine fürchterliche Anmassung. Die Räume des Hotels waren ausgekühlt von den Stürmen vergangener Tage, sodass man lediglich die Klimaanlage auf heiss schaltete. So schwitzten wir an die Schädeldecke, während wir bis zum Hals in einem Kältesee steckten. In der ersten Nacht schlief ich derart schlecht, dass ich in frühen Morgenstunden zum Strand hinunterging. Das Meer war unruhig. Böen fegten über die Dächer hinweg wie Wasser, das man in einem Ruck aus dem Eimer auf den Boden platschen lässt. Ich nahm mein Feldbuch hervor und fertigte erste Skizzen an. Die umgedrehten Boote am Strand, die Gerippe unfertig gebauter Sommervillen, die sich im aufkommenden Morgenlicht wie Scherenschnitte abhoben. Da kam ein älterer Deutscher mit Stockeinsatz den Strand entlanggestapft. Auch er gehörte zur Reisegruppe. Er winkte mir zu, ich nickte. Später würden wir zwangsläufig ins Gespräch kommen, da wir beide beim Wandern zurückfielen, er seines Beines wegen, und ich, um meine Skizzen so lange wie möglich naturgetreu auszuarbeiten. Allgemein gab ich in der Gruppe bekannt, ich würde mich sehr für die minoische Kultur interessieren und daher Ruinen abzeichnen und kolorieren, soweit es die Zeit jeweils erlaube.
In einem Klosterhof zeichnete ich Orangenbäume, die eingetopft waren. Ihre Baumrinden waren weiss übertüncht. Es waren Bandagen, die um die Stämme gewickelt waren, damit die Bäume keinen Sonnenbrand erlitten. Auch fügte ich Notizen an und folgte verspätet der Gruppe über eine weite Ebene in der Nähe von Khania in Richtung Meer. Der Deutsche, der Wegner hiess, war stehen geblieben und überblickte die Ebene. Als ich auf seiner Höhe ankam, erkundigte er sich, was ich denn schon so fleissig zusammengetragen hätte. Also erzählte ich, dass auch die Minoer von Kreta einen dreifaltigen Gott gekannt hätten, der als Schlange in Höhlen, als Löwe in Tempeln und als Adler auf Berggipfeln verehrt worden sei. Wegner zeigte sich interessiert, also redete ich weiter von meiner Begeisterung für religiöse Zeichen und Symboliken. Runen, Kabbala, Alchemie.
«Und was machen Sie mit diesem Wissen», fragte Wegner.
«Schwer zu sagen. Ich bin halt kulturell interessiert.»
«Sehr lobenswert», meinte er. In seinem Tonfall war ein gewisser Schalk nicht zu überhören.
«Und Sie zeichnen Trümmer.»
«Ruinen, ja. Aber nicht nur. Wenn ich sie berühre, fühle ich mich in eine vergangene Gegenwart versetzt.»
«Vergangene Gegenwart, das ist gut.»
Der Deutsche rieb sich den weissen, sauber ausrasierten Kinnbart. Dann wies er mit seinem Gehstock im Halbkreis in Richtung Ebene, die vor uns lag.
«Und das hier? Welche vergangene Gegenwart sehen Sie hier?»
Ich sah Mandelbäume. Die wenigen Strässchen, die durch die Felder führten, waren von Steinmäuerchen gesäumt. Es gab Gehöfte mit Zypressengärten.
«Da ist sicher viel passiert.»
«Wie überall, meinen Sie?»
«Wahrscheinlich.»
«Wenn es hier Trümmer gäbe oder Ruinen, wie Sie es nennen, könnten Sie irgendwo nachschlagen und so herausfinden, was hier einmal war. Aber diese Ebene ist sozusagen sauber.»
Ich zuckte mit den Schultern.
«Was liegt da drüben», fragte er mich unvermittelt. Die Stadt Khania war halb zu sehen, also tippte ich darauf. Ungenau, urteilte der Deutsche. Also vermutete ich einen Vorort, doch Wegner erklärte:
«Da hinten liegt der Flughafen von Khania. Vor bald fünfzig Jahren war das ein Flugplatz. Und diese wunderschöne Landschaft hier, die so friedlich ist und wo man nach Herzenslust wandern und zeichnen kann, hier sind Landsleute von mir tot vom Himmel gefallen. Luftlandetruppen. Abgeschossen wie Fliegen. Von Engländern und Kanadiern, die am Hügel dort drüben in ihren Nestern hockten. Es war eine der grössten Luftlandeoperationen überhaupt. Ganz Kreta wurde eingenommen.»
«Sie meinen von Nazis?»
«Reichswehr nennt sich das», korrigierte er bestimmt. Ich entschuldigte mich, er nickte nur.
Einige Stunden später lenkte er das Gespräch erneut auf dieses Thema, indem er einen simplen Anlass nutzte und sich erkundigte, wie es um die Wehrbereitschaft meiner Generation bestellt sei. Ich meinte, wir hielten nicht viel vom Töten. Die meisten von uns könnten sich das einfach nicht vorstellen.
«Das ging mir auch so. Aber Töten ist leicht. Sehr leicht sogar. Wenn dein Kamerad neben dir tot ist und der andere mit einem Bauchschuss nach seiner Mutter schreit, weisst du, was du dann tust?»
Ich wusste es nicht.
«Dann zielst du ruhig und triffst genau.»
Ich blieb stehen: «Sie haben es erlebt?»
«Im Osten, ja. Aber Stalingrad ist mir erspart geblieben. Glaub mir, wo immer wir standen, ob hier oder in Afrika, wir waren davon überzeugt, wir würden die Heimat verteidigen.»
«Sie waren hier?»
«Nein, hier war ich nicht.» Und das Bein, ergänzte er, gehe auf einen Reitunfall zurück.
Wir besuchten Töpferdörfer, bummelten Häfen ab. Und wir durchkämmten Olivenhaine, deren Böden mit Netzen überspannt waren, um die Früchte aufzufangen. Das war der eigentliche Höhepunkt bei einem Kreta ohne Touristen, denn diese Ernte findet im Spätwinter statt. Einmal war der Bub des Reiseleiters mit dabei. Der Kleine klagte über Bauchschmerzen. In einer Kirche, die wir gerade besuchten, hing an der Wand die Kette eines Heiligen, die Schmerzen lindern soll. Wegner nahm den Buben bei der Hand und legte ihm die Kette um den Bauch. Die Gruppe war gerührt. Auch der Vater liess Wegner lächelnd gewähren. Nur der Bub brach in Tränen aus. Die Schwere der Kette am zierlichen Körper liess den Vorgang, der doch Gutes bewirken soll, eher übergriffig erscheinen. Dieser Eindruck wurde dadurch verstärkt, dass Wegner das Kind behutsam, jedoch entschieden führte.
Gleichentags fuhren wir auf die Südseite der Insel. Im Innenhof eines weiteren Klosters wies uns die Reiseleitung zu einer Gedenktafel, vor der wir uns wie gewohnt im Halbkreis versammelten. Jemand übersetzte den Text, der in Neugriechisch verfasst war. Die Tafel erinnerte an eine Gruppe englischer Soldaten, die hier im Kloster vor den Deutschen Zuflucht gefunden hätten. Wegner hörte aufmerksam zu. Als er vernahm, die Engländer wären wörtlich ‚aus den Klauen dieser Söhne Satans‘ gerettet worden, stiess er ein kurzes Lachen aus, das voller Häme war und Verachtung. Und sogleich räusperte er sich, scheinbar um zu vertuschen, was ihm da entfahren war. Nach dem Mittagessen bat er mich, ihm zu helfen. Er liess für die ganze Gruppe einen Calvados ausschenken, und ich sollte seine Bestellung auf Englisch ausrichten. Ich übersetzte ihm den Preis, Wegner nickte und klappte seinen Geldbeutel auf. Da sah ich eine Art Wappen auf der Innenseite kleben. Es zeigte drei rote Kreuze, die auf weissem Grund wie Schwerter aufrecht im Boden staken. Ich fragte danach, und Wegner antwortete, indem er den Geldbeutel rasch versorgte.
«Nichts Besonderes». Und nach einer Weile: «Nur die Bremer Speckflagge.»
Die Reisegruppe zeigte sich erstaunt über Wegners ungewohnte Grosszügigkeit. Die Einen nippten zögerlich, weil sie Schnaps gar nicht gewohnt waren. Andere stürzten das Glas, vielleicht weil sie Birnengeist nicht mochten, oder sie waren peinlich berührt und wollten die Sache hinter sich bringen. An meinem Tisch zog man Schlüsse hinsichtlich Wegners Reaktion vor der Gedenktafel. Ich persönlich mass diesem Vorfall weniger Bedeutung bei, schliesslich wusste ich um seine Empfindlichkeit, dass man Reichswehr und Nazi-Terror unterscheide. Und das war auf dieser Tafel freilich nicht der Fall gewesen. Wegner selber liess seine Spende unkommentiert.
Einer der letzten Ausflüge führte uns in ein Dorf mitten in den Bergen Kretas. Innerlich war ich schon abgereist, ich hatte die Erläuterungen zum Tag ausgelassen. Deshalb nahm ich erstaunt zu Kenntnis, dass das Dorf leer war, die Läden geschlossen, die Gassen verdreckt und schlecht asphaltiert. Der Reisecar hielt auf dem Dorfplatz, wir stiegen aus. Und auf einmal öffneten sich Haustüren und ältere Frauen traten heraus, gekleidet in Schwarz. Sie stellten kleine Tische auf und legten darauf ihre Ware aus. Stricksachen, Gehäkeltes, Gewobenes. Topflappen, Kissenbezüge, Lätzchen, Wandteppiche. Die Gruppe kaufte ein. Also suchte ich mir den roten Wandbehang aus. Wegner aber, der während der Fahrt kein Wort gesprochen hatte, übertraf uns alle mit seinen Einkäufen. Genau genommen zog er von Frau zu Frau und kaufte jeder etwas ab, leicht verlegen und herzergreifend höflich. Dafür hatte er sogar eine zusätzliche Tasche mitgenommen, wie jemand bemerkte.
«Was sind das für Frauen?» fragte ich einen Kollegen an meiner Seite.
«Witwen.»
«Witwen?»
«Ja, wir sind im Dorf der Witwen. Das wurde heute so erklärt. Die Deutschen hatten damals im Zweiten Weltkrieg alle jungen Männer von hier an die Wand gestellt. Zur Strafe, weil ein paar deutsche Generäle entführt worden waren.»
«Die Reichswehr?“ fragte ich.
«Ja, schon. Reguläre Truppen jedenfalls.»
Da sah ich Wegner auf einmal mit ganz anderen Augen. Dazu kam schlussendlich der merkwürdige Umstand, dass er, wie jemand uns am letzten Morgen auf dem Weg zum Flughafen verriet, den gesamten Einkauf vorne beim Bistro in einem öffentlichen Abfalleimer wieder entsorgt haben musste.