Ein Schuss Neunziger! Nach Jahren Kalten Krieges lässt man den Dingen freien Lauf. 9/11 ist noch nicht passiert, noch nicht die Restauration messbarer Werte im Anschluss danach, die uns heute beschäftigt. Dennoch haben die beiden Filme viel zu sagen.

Zuerst eine Klarstellung: Wenn es um Filme geht oder Kunst überhaupt, erhebe ich nicht den Anspruch, ich käme den Absichten ihrer Macher auf die Schliche. Wahrheit interessiert mich nicht. Wahrheit ist Juristen vorbehalten, allenfalls Pfaffen.

Mir geht es um mögliche Klarheit. Als Konsument im samtenen Polster nutze ich meine Freiheit, dass ich mich von der Geschichte, von Tonspur und Bildschnitten zum Nachdenken anregen lasse.

Trainspotting also: Markige Sprüche, rasante Bilder, Farbenpracht, Tempo, verspielter Surrealismus. Thema Heroin. Noch ergab sich mir bislang keine Möglichkeit, leider oder glücklicherweise, dass ich mir von dieser Königin die Krone aufsetzen liesse. Heroin ersetzt Gründe, Heroin ersetzt Freunde, hören wir.

Es lässt dich Gelegenheiten finden und Verrat üben.

Diese wichtige Aussage stammt von Spud, der deutlich an Gollum erinnert, wie er in seiner versifften Wohnung kauert.

Und alle versinken sie in handfester Schuld: Die Laternen im Korridor der Wohngemeinschaft, als das Kleinkind in seiner Bettstatt gestorben ist, verbreiten das schwarze Licht, das Süchtige aus Hauseingängen vertreibt, weil sie so ihre Venen nicht finden. Zugleich durchleben die Trainspotter Momente tiefsten Ekels: Verdreckte Toiletten, Baby-Leiche, stetig wachsender Müllberg, Transenpenis, schwarzer Umschnalldildo, Brechreiz und Gier zugleich, AIDS und AIDS-Tod im höchstpersönlichen Dreck.

Aber was genau ist ihre Sucht? Es fällt auf, dass die Figuren keineswegs ihr einfach so erliegen. Vielmehr entscheiden sie sich immer wieder nach Zeiten der Enthaltung nüchtern und vorsätzlich zur Fortsetzung ihrer Sucht.

Denn die Schuld beginnt schon früher: Sie fliehen die kleinlichen Sicherheitsdispositive schottischer Vorstädte. Den alten Erzeugern haftet der Krieg in den Knochen. Die Schuld der Kinder ist es, dass sie diesen Krieg nicht kennen und überhaupt das harte Leben nicht, das bisher geführt wurde.

Dass sie nutzlos sind.

Dass sie verwöhnt sind und wie Säuglinge an der Umverteilung einer Nachkriegsordnung hängen, die sich scheinbar endlos im Aufschwung befindet. Eine Ödnis voller ebenso kleinlicher Schuldzuweisungen.

Auch ich bin auf dem Sofa gross geworden. Mit der Fernbedienung in der Hand. Vielleicht war es nur Zufall, dass der Kelch dieser Königin an mir vorbeiging.

Noch einmal: Was genau ist ihre Sucht? Wer Schuld aufgebürdet bekommt, will sie durch heldenhaften Dienst abarbeiten. In Verhältnissen des Wohlstandes misslingt eine solche Wiedergutmachung ständig. Oder sie wird als solche gar nicht kenntlich. Auch sind im Frieden keine Helden erwünscht. Das wäre nachgerade obszön.

Was einem bleibt, ist ein Nachdenken über seine Schuld, das sich endlos um sich selber dreht. So wird Nachdenken zur Marter.

Und das ist ihre Sucht: Dass sie ihr ständiges Nachdenken in einer Flut von Liebe ertränken, die durch Hohlnadel und Adern schiesst. Ein Bankrott für die Moderne, die auf den Kopfmenschen setzt und nur ihm vertraut.

Niemand steigt vorzeitig in die Hölle hinab. Daher pflegen die Trainspotter eine Selbstironie, die sich durch beide Filme zieht. Schamlos und blitzklug führt sie durch Tiefenschichten des Lebens. Und sie machen weiter. Einfach weiter.

Selbstironie täte wirklich not. Eine Art Sozialkompetenz, genau genommen. Oder, altmodisch gewendet, eine Tugend.