Seit Langem stosse ich mich am Wort ‘spannend’, genauer an den Umständen, unter denen es benutzt wird. Allerdings gibt es immer Gründe, die nicht auf Anhieb sichtbar sind.

Ein spannender Film, ein spannendes Buch, keine Frage. Wir sitzen im Lehnstuhl, unterhalten uns gefahrlos. Nichts gegen Unterhaltung. Voltaire meinte, es sei alles erlaubt, bloss nicht Langeweile.

‘Spannend’ heisst in letzter Zeit aber auch, dass wir Interessantes beobachten und in unser Leben mitnehmen. Die Nachkriegsgeneration teilt diese Anwendung von ‘spannend’ nicht. Sie hält sie für eine Marotte ihrer Kinder, die mittlerweile auch in die Jahre gekommen sind.

Entscheidend ist, dass man vom Geschehen abgetrennt ist, um es spannend zu finden. Das Kino versinnbildlicht diese Situation idealtypisch. Oder eben ein Lehnstuhl mit Buch und Stehlampe. Diese Umstände treffen schon nicht mehr zu, wenn ein Manager eine Idee, die an ihn herangetragen wird,  als spannend beurteilt. Damit versenkt er sie.

Alles in allem aber erfährt dieses Wort eine derartige Inflation, dass man nun auch Situationen spannend findet, in die man mit Haut und Haaren verstrickt ist. Ein Kollege erzählte eine Begebenheit, in der er beinah hysterisch überreagierte. Und er fand das «uu spannend», was sehr spannend bedeutet.

Da beschloss ich, diesen Ausdruck zum Unwort des Tages zu erklären. Ganz für mich.

Auch Eltern, die das Verhalten ihrer Kinder in schwierigen Momenten spannend finden, sind eigentlich heillos darin verfangen. Da wird sich eine Souveränität angemasst, die dem Menschsein in seinen täglichen Zweifeln und Unsicherheiten spottet. Wir sitzen nicht im Kino, wenn wir uns beim Heulen beobachten. Oder wenn wir lästige Eigenarten, die wir an uns selbst verdrängen, in unseren Kindern wiederentdecken. Da kommt auch Wut auf, dass das Kind diese Eigenart schamlos auslebt, wir uns aber tagtäglich zusammenreissen. Das nennt sich Neid.

Und ich möchte die Person sehen, die sogar offen herauskehrt, sie fände spannend und interessant, wie sie auf ihr Kind neidisch sei. Es wirkt einfach aufgesetzt, modisch bestimmt, unnatürlich.

Aber darin steckt ein Anliegen verborgen. Und die Suche danach gehört zu einer Art intellektueller Redlichkeit: Zum Beispiel der gute Wille zur Weltoffenheit. Man lässt sich vom Leben in Frage stellen und macht daraus keine Mördergrube.

Sondern ein Kino.

Wer bereit ist, solche Angelegenheiten spannend zu finden, ist mild in seiner Wertsetzung. Oder er gibt sich so, und das ist schon viel wert. Aber in dem modischen Geschwätz von heute finde ich keinen Anklang mehr von diesem Anliegen.

Die Nachkriegsgeneration hat Häuschen gebaut und Gelder angelegt. Von Infragestellung dieser Lebensform keine Spur. Wen wundert’s, wenn ihre Kinder genau diesen Mangel ausgleichen und andauernd die eigenen Fehler ins Licht halten und drehen und wenden.

Und es wirkt wie Hohn, wenn sie das, was ihre Alten peinlichst vermieden, auch noch spannend finden und interessant.

Aber fairerweise ist auch bei der Nachkriegsgegenration nach dem Anliegen zu suchen. So verlangt es die intellektuelle Redlichkeit auch hier: Wir haben wohl keine Ahnung davon, was es heisst, wenn ein ganzes Volk von Wohlstand heimgesucht wird. Waschmaschine, Mikrowelle, Videorecorder, Sauna und Wirlpool für die Familie. Diese beispiellosen Vorzüge nutzen, aber dabei anständig bleiben wie früher, scheint mir eine berechtigte Sorge, zumal die Kinder, die darin aufwachsen, vom früheren Leid gar keinen Begriff haben.

Diese Generation hat die Beben eines Krieges noch in den Knochen, der genauso beispiellos war. Als hätte sich dieses Übermass im Wohlstand der Hochkonjunktur verkehrterweise fortgesetzt: Auf schlimmes Leid folgt glanzvoller Luxus.

So sind wir blind gegenüber den Anliegen ganzer Generationen. Legen wir sie frei, ergibt sich eine schlüssige und wahrscheinlich sehr natürliche Folge, die durchaus interessant ist.

Und spannend, möchte ich meinen.