Heute hat man keinen Begriff von den Ängsten, die ein Luther seines Gottes wegen ausstand.

Von seinem leiblichen Vater, dem Frühkapitalisten, sah er sich als junger Mönch verachtet. Aber Gott lud ihm auf, dass er seinen Erzeuger liebe, und so verschob sich sein Hass auf Gott, bis Luther klar wurde, dass er sich auf der Schnellstrasse in die Verdammnis befand. Ein Wort aus den Briefen Pauls, dass man die Zustimmung Gottes nicht durch Gehorsam, sondern durch persönlichen Glauben an ihn gewinne, brachte ihm Erlösung und mit ihr die Zündung zur Reformation.

Solche Ängste kennen wir nicht, andere sind an ihre Stelle getreten. Dennoch besteht die Problematik Gottes fort. Selbst die Türsteher unter den Schülern stellen die Gretchenfrage, wie ich das mit Gott so sähe.

Ja, wie sehe ich das? Mein Religionsunterricht damals bestand aus Aufklärung über Drogen, Sex und AIDS, und wir sangen Lieder aus der Dritten Welt. Im Wohlstand wird Gott zur Privatsache. Geraten wir aber in Not, falten wir die Hände.

Also bin ich in der Lage, dass ich mich Luxusproblemen widme, was Gott angeht: Es heisst, wir seien nach seinem Bild geschaffen. Das Umgekehrte leuchtet mir ein. Der Gott, der straft und stinkbeleidigt aus dem Hinterhalt auf Rache sinnt, mutet genauso menschlich an, wie der väterlich gütige, der sich Eingriffen in seine Schöpfung enthält und still vor sich hin weint.

Gebräuche, die zum Überleben eines Gemeinwesens wichtig sind, wie Hygiene-Vorschriften in der Wüste, befolgt man besonders gewissenhaft, wenn eine Priesterschaft den Willen Gottes dahinter verkündet. Das meine ich nicht verächtlich, sondern anerkennend als Ökonomie eines Zusammenlebens unter bestimmten Umständen. Ich litt ja auch nie unter diesem Druck.

Das Naturwesen Mensch gab sich dank seiner überschüssigen Intelligenz Halt und Orientierung im Dickicht einer versumpften und brutalen Umwelt, indem es Gott setzte, so unveränderlich wie die Sterne am Himmel.

Das eigentliche Problem, das sich mir stellt, ist eine Frage, die jede Religion ausgeblendet hält, weil sie sonst ihren sozialen Zweck verfehlt: Unser Leben erhält Sinn, indem es in Gott aufgehoben sei. Aber in welchem Sinn ist Gott zu verstehen? Seine Herkunft, seine Funktion? In welchem Zusammenhang erklärt sich ein Nirwana als ewiges Nichts? Und angenommen, wir bekämen die Antwort, so fragten wir sogleich nach dem Zusammenhang, in dem wiederum diese Antwort Sinn bekommt.

Das würde gar nicht aufhören. Diese Frage rührt an die Unendlichkeit als das eigentliche Grauen.

Ähnlich der beklemmenden Frage, wo der Raum sich befinde, in dem Galaxien herumnebeln.

In dem es Leben gibt.