Oberflächlichkeit beklagt sich leicht. Aber ob die, die sie verabscheuen, deshalb Tiefgang haben, ist keinesfalls ausgemacht. Ihnen widme ich die Frage, was Oberflächlichkeit eigentlich leistet.

Wie bitte? Das liegt doch auf der Hand: Die Leute schonen sich, verbergen ihre Unreife. Ihr Gefasel übertüncht einen rohen Geschmack. Daraus zögen sich auch andere Schlüsse, zum Beispiel, dass diese Personen ein Drama in sich austragen. Schonen, verbergen. Das klingt mühselig.

In den 80er-Jahren war es unter Reformern üblich, dass sie die Frage, ob es ihnen gut gehe, mit der Gegenfrage konterten, ob man das denn wirklich wissen wolle. So entlarvten sie Oberflächlichkeit.

Die Frage, ob es einem gut geht, wird natürlich verfrüht gestellt, besonders dann, wenn man sich nach Längerem zufällig trifft. Auch zielt man damit gleich ins Schwarze. Diese Frage erfasst ein ganzes Leben zu einem bestimmten Zeitpunkt in all seinen Facetten, die zugleich lebendig, einige aber widersprüchlich und unausgegoren sind. Was soll man da sagen?

Umgekehrt gilt es sich vorzustellen, wie es wäre, wenn man diese Frage im Tiefgang beantwortete. Etwa so:
Danke gut, aber mich quält die Phantasie einer gleichgeschlechtlichen Affäre schon seit Tagen, besonders aber heute Morgen.
Oder: Eigentlich schlecht. Ich lebe zwar, aber ich lebe ungern.
Oder: Sehr gut. Ich hab meiner Mutter endlich die Meinung gegeigt. Sie hat mich zu früh abgestillt.
Oder: Weiss nicht. Mir wächst gerade eine Fistel ins Gesässfleisch.

Vor lauter Tiefgang würden wir uns aus dem Weg gehen. So aber wäre keine Gesellschaft zu machen. Damit klärt sich, was Oberflächlichkeit leistet: Sie lässt uns miteinander verkehren, ohne dass wir uns sogleich meiden.

Nur so ist Gesellschaft möglich.

Auch wird dadurch die Gelegenheit am Leben erhalten, dass man jederzeit, sofern Bedarf besteht, im Gespräch in die Tiefe geht, wo dann alles bedeutsam ist und so unglaublich und persönlich und tiefschürfend.