Einmal kam es so, dass ich nachts vor einem Friedhof auf ein Taxi wartete. Statt nur herum zu stehen, beschloss ich, auf dem Friedhof eine Runde zu drehen.

Aus blosser Neugierde.

Noch bevor ich das Tor durchschritt, sah ich vor mir, wie ich als Jugendlicher nach einem Streit im Zorn das Haus verliess und einen Friedhof aufsuchte, der in der Nähe lag. Ich setzte mich neben ein Grab in den Kies, wo meine Wut allmählich verdampfte. Das Ganze geschah planlos, aber sehr direkt.

Damals. Nun bog ich ein in völlige Dunkelheit, es gab keine Beleuchtung. Wie ein schwarzer Sumpf lag der Friedhof vor mir. Ich verliess den Hauptweg und spazierte zwischen Gräbern entlang.

Es geschah nichts, kein Mut war nötig, keine Angst kam auf.

Erst jetzt fiel mir ein, dass meine Grosseltern hier lagen. Das war mir nicht bewusst gewesen. Aber ich hegte deshalb keine Scham. Es fühlte sich eher an wie ein natürliches Wiedersehen, wenn man sich überraschend trifft.

Lange blieb ich stehen. Ich fühlte mich entspannt wie selten. Da kam mir auf einmal ein Gedanke, eben in der Art, wie uns etwas einfällt, nämlich:

Es war Freude, nicht Schuld!

Gerne bilde ich mir ein, dieser Gedanke sei wie eine Botschaft aus dem Totenacker aufgestiegen. Hier lagen zig Lebensgeschichten beerdigt, die einen noch mit Namen versehen, die anderen längst im Lehm geborgen.

Geschichten von Menschen, die Freude suchten und Schuld fanden.

Und ich hörte das Plätschern der Brunnen, wo Angehörige für die Bepflanzung Wasser schöpfen. Da kommt man sanft zu sich. Das Wasser plätschert und stimmt versöhnlich nach krampfhaftem Abschied am Grab. Wie Freude, wenn sie fliesst.

Das Taxi hielt, ich kehrte um.