Sie bettelte nicht, sie bot sich mir als Putzhilfe an. Ich meinte höflich, wir hätten in dieser Hinsicht ausgesorgt. Sie bettelte nicht, abermals nicht, aber sie bat mich, ich möge mich doch mit ihr hinsetzen und mit ihr reden, sie wolle einfach reden, und ihr schossen Tränen in die Augen. Sie war adrett gekleidet und trug noch Zahnspangen, in der sich Kalk festgesetzt hatte.

Ihr Wunsch erfasste mich so urmenschlich, dass ich abzulehnen ausserstande war. Alle Menschen, Freund wie Feind möchten irgendwann sich setzen und reden. Bei den Gebrüder Coen verpüren sogar Killer dieses Bedürfnis. Wir hockten uns auf eine Art Kletterpyramide für kleine Kinder inmitten Einkauftrubels. Die Frau war mit der Miete im Rückstand, die türkischen Vermieter, ihrerseits belastet von Schulden, verlangten sofortige Zahlung von der jungen Mutter aus Pristina, aber ihr war verboten zu arbeiten und man scheue die Strafen, sie zu beschäftigen, jedoch stehe eine Bewilligung in Aussicht, allerdings in zwei Monaten erst. Mir ging durch den Kopf, dass Kosovaren von der europäischen Freizügigkeit ausgeschlossen sind. Und Syrer haben derzeit klarerweise Vorrang. Armut gilt nicht als Asylgrund, eben sowenig die Brutalität, die dort nach wie herrscht und von der die Frau damals als Zehnjährige einiges abbekommen hatte. Eine Abschiebung graute ihr und dem Kind, das sie nicht abgetrieben habe, weil sie gläubig sei. Deshalb hure sie auch nicht, wofür sie gegen leichtes Geld mehr als genug Angebote hätte.

Sie flehte in einer scheuen Art ihr zu helfen, und ohne mich belästigen zu wollen, da ich den Kopf schüttelte, bot sie trotz ihrer Erschöpfung und in herzzerreissender Demut alle Überzeugungskraft auf, ich könnte auch einmal auf Hilfe angewiesen sein, und dass meine Frau sich über mein Opfer freuen würde, sie werde es mit Zins zurückerstatten, aber das lehnte ich ab.

Als ich endlich das Geld abhob und ihr aushändigte, erlöste ich sie aus Not und mich aus Scham. Und sie blieb, rannte nicht weg, notierte meine Nummer und kramte ein Stück Papier aus der Tasche, das sie mir schenkte. Darauf war ein Spruch von Franziskus geschrieben, wie er dazu aufruft, Gutes zu tun, solange Zeit sei. Dieses Los habe sie heute Morgen in der Kirche gezogen, erzählte sie und lächelte für einen Augenblick.