Homosexuelle geniessen heute mehr Zuspruch als früher. Ich weiss, sie sehen das mitunter anders. Dennoch könnte man sozusagen übungshalber nach einem Verständnis für Homophobe suchen. Sozusagen zur Abwechslung. Was stört an gleichgeschlechtlicher Orientierung? Ihre Natürlichkeit ist erwiesen. Im Rudel dämpft sie Aggression. Das Leittier begattet die Weibchen, die restlichen Rüden nehmen untereinander Vorlieb. Würden sie das Leittier jederzeit herausfordern, wäre das Überleben aller in Frage gestellt.

Da wäre zuerst einmal Neid, früher zumindest. Homosexuelle brauchen auf Schutz keine Acht zu geben. Das hat sich bekanntlich geändert. Wichtiger aber ist: Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung geniessen alle Vorzüge eines menschlichen Gemeinwesens, aber sie tragen nichts zu seinem Fortbestand bei, da sie keine Nachkommen zeugen. Sie meiden die Mühen und das Leid und die mögliche Armut, wenn man Kinder zur Welt bringt und grosszieht. Das dürfte der Kern dieser traditionellen Feindschaft sein. Wer Toleranz einfordert, sollte im Gegenzug etwas Nachsicht üben, dass Traditionen aus schwieriger Vergangenheit natürlicherweise nachklingen.

Aber der Zweifel an einer gleichgeschlechtlichen Elternschaft wäre damit erübrigt. Man müsste Homosexuellen das Recht auf Elternschaft geradezu aufdrängen. Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss lehrt, die Völker kennten vielfältigste Formen familiären Zusammenlebens. Die Variante Mutter-Vater-Kind sei eine Möglichkeit unter vielen.

Letztlich verteidigen Homophobe, was für normal gilt. Damit erweisen sie sich genauso als treue Zeugen vor dem Herrn, wie als Idioten vor dem Leben, das laufend in Veränderung begriffen ist.

Normalitäten verschieben notwendig ihren Schwerpunkt. Es ist die eigene biografische Weinerlichkeit, die sich an einen Moment der Geschichte klammert.