Eigentlich nennt man uns Lehrpersonen, aber ich weigere mich, einfach bloss jemand zu sein, der besser kein Geschlecht hat, keine Geschichte und keine biodiverse Eigenart. Der allgemeinen Erschöpfung nach rede ich lieber von Lehrkräften. Ihre amtlich organisierte Zusammenarbeit ist jedenfalls ideologisch bedingt, nicht sachlich.
Das Vorbild Wirtschaft für die Schule wirkt nach. Daran ändert sich wohl nichts, auch wenn man in Fachkreisen längst zum Schluss gekommen ist, dass sich ökonomische Konzepte unmöglich der Schule überstülpen lassen. Die Linientreue der Bildungspolitik wirkt mustergültig. NZZ und Tages-Anzeiger, immerhin Tagesblätter mit gegensätzlich politischem Couleur, sind sich darin einig, dass die Integration an Schulen gescheitert ist. Aber auch darüber setzt man sich hinweg. Schule und Wirtschaft also. Da frage ich mit Stirnrunzeln, was wäre das für ein Unternehmen, etwa eine Landschule mit urban designtem Logo, wenn es Zwangskunden hat und kein Kapital erwirtschaften muss, das in berechenbarer Höhe brav hereinsprudelt? Die Schulleitung ist dem Management nachempfunden. Sie dient in erster Linie der Durchsetzung der Bildungspolitik, die systemisch orientiert ist und daher ausufernde Ansprüche stellt.
Auf die Frage, warum Lehrkräfte zusammenarbeiten sollen, bekommt man von amtlicher Seite zwei Antworten zu hören. Beide erfolgen rasch, wie auswendig gelernt und mehrfach eingeübt. Die erste lautet: Zum Synergien nutzen. Als bräuchten wir dafür einen Befehl. In den 90gern, als ich in Dörfern unterrichtete, längst vor Harmos, trafen wir uns freiwillig, wir tauschten uns freiwillig aus und gingen freiwillig gemeinsame Projekte an. Dabei haben wir Eigenart und Neigung der einzelnen Lehrkraft oder Lehrperson natürlicherweise berücksichtigt. Es gibt künstlerisch begabte Lehrkräfte, bürokratisch beflissene, sensitive Eigenbrötler wie überall. Eine Schule, von Lehrkräften selbst geführt, wäre der richtige, der direkte Weg zu so genannter Schulqualität. Die Motivation wäre intrinsisch, aber das systemische Misstrauen überwiegt, das meistens von oben kommt. Die Bildungspolitik jedoch hat, wie angedeutet, ihre Anliegen systemisch vervielfacht, mit tausend Ämtern, die sich unverzichtbar machen, sodass ein Management natürlich dringend ansteht. Über die Wichtigkeit dieser Themen liesse sich streiten, aber das tut man schon längst nicht mehr. Hinter der Hand erfährt man den tatsächlichen Beweggrund zur verordneten Zusammenarbeit, man möchte nämlich tunlichst unterbinden, dass Lehrkräfte wie früher selbstherrlich und eigenbrötlerisch die Menschen, die ihnen anvertraut sind, nach Bedarf und Gutdünken behandeln. Das mag seine Berechtigung haben, wenn man zurückschaut, aber es gibt meines Wissens keine Statistik dazu. Die zweite Antwort folgt dann auf dem Fuss: Auch in der Wirtschaft wird zusammengearbeitet. Basta! Projektmanagement als schlagendes Stichwort. Geht man dieser Sache genauer nach, dann wird klar, dass in der Wirtschaft zumeist Spezialisten an einem Projekt zusammenarbeiten. Designer etwa müssen sich mit Programmieren verständigen und umgekehrt. Eigenwillige Kundenwünsche bieten zudem klare Orientierungspunkte zum Austausch. Dazu kommt, dass diese Projektgruppen zeitlich begrenzt tätig sind. Es besteht kein Grund, sich über den fachlichen Austausch hinaus persönlich zu committen.
Lehrkräfte hingegen sind Generalisten. Die Fachdidaktiken bedürfen keiner besonderen Klärung, um zusammenzuarbeiten. Jede Didaktik, sogar auf unterschiedlichen Schulstufen, läuft darauf hinaus, dass ich neue Themen erst an Belange knüpfe, die der Schülerschaft bereits vertraut sind. Dabei sollte es sich um lebensweltliche Themen handeln, nicht um schulische, die sich selten bis nie in einer ganzen Klasse als durchgängig geklärt voraussetzen lassen.
Lehrkräfte als Generalisten pflegen Grundannahmen, die sich diametral voneinander unterscheiden. Die einen betonen, eine harte Führung helfe den Kiz, gesellschaftsfähig zu werden, andere üben methodische Nachsicht. Meistens befürworten wir ein Vorgehen, bei dem wir nachträglich überzeugt sind, es hätte auch uns damals persönlich gutgetan. Also wird munter verallgemeinert, damit möglichst viele Heranwachsende in den Genuss dieser oder jener Methodik kommen.
Bei der krachenden Biodiversität unter Menschen lassen sich weder Methode noch Erfahrung blindwütig auf alle anwenden.
Das Vorgehen mag sich noch so bewährt haben, man weiss nie, ob es beim nächsten Fall auch greifen wird. Sollte es fehlschlagen, finden sich Gründe genug, dies zu rechtfertigen. An der Methode kann es ja nicht liegen. Das Problem kennen Wissenschaftler nur zu gut, nämlich wenn unerwartet Daten hereinkommen, die das Bisherige schnöd widerlegen. Auch das Menschenbild klafft unter Lehrkräften im Grundsatz auseinander. Für viele leuchtet wie von selbst ein, dass gewisse Kinder sich fehl verhalten, da sie zu dumm und zu bequem sind. Andere finden, das liege am Stress und daran, dass Kinder etwas Wertvolles beschützen, etwa wenn sie lügen. Diese Differenz geht bis in die Einzelheiten: Jemand besteht darauf, die Schülerschaft präzis bei Glockenschlag einzulassen. Andere finden, eine gewisse Zeit davor, vielleicht sogar eine Minute sei für den Betrieb je nach Dringlichkeit durchaus verkraftbar.
Dennoch wird eine Zusammenarbeit verordnet, auch wenn die immer gleichen Personen über Jahre mit den immer gleichen Personen zu tun bekommen. In diesem Fall sind wir gezwungen, uns persönlich über den fachlichen Austausch hinaus persönlich zu öffnen, wie es in der Wirtschaft, die nur das Spezialistentum kennt, nirgends erforderlich wäre. Dabei wird ferner die Biodiversität missachtet, die freilich auch unter Lehrkräften herrscht, während die Wirtschaft schon längst auf besondere Eigenarten wie Sensitivität oder Autismus Rücksicht nimmt und ihnen zur bestmöglichen Wirkung verhilft. Immerhin gibt es Lehrkräfte, die sich mit ihrem Mittagessen im Schulzimmer einschliessen. Sensitive benötigen ein straff geführtes Klassenmanagement, ansonst überleben sie keine Tage. Aber auch sie werden über den gleichen Kamm geschert, sie haben gefälligst in Teams zu arbeiten, vorzugsweise für Grossanlässe, die vom überbordenden Kerngeschäft ablenken und die stufenübergreifende Dynamik der Schule für die Öffentlichkeit unter Nachweis stellen. Kreativ veranlagte Lehrkräfte finden im Gesamtbetrieb keine Nische mehr, sie haben Listen abzuarbeiten wie alle. Alles Kreative ist in Pläne und Lehrmittel ausgelagert.
An einem Buffet kam ich mit einem Abteilungsleiter im Turbinenbau ins Gespräch, immerhin ein Wirtschaftsbereich mit glasklaren Qualitätskriterien, dieser brach in Gelächter aus, als ich ihm mitteilte, die Schulen hätten nun die Mitarbeiterqualifizierung haargenau nach ökonomischem wirtschaftlichem Vorbild übernommen und führten sie einmal jährlich gewissenhaft durch. Er meinte, solange es der Firma gutginge, winke man die Belegschaft durch. Bloss kein vermeidbarer Ärger mit der Basis, betonte er. Klartext werde erst geredet, wenn das Unternehmen unter Druck käme. Daraufhin lachten wir beide, denn Schulen geraten nie unter wirtschaftlichen Druck, sofern es Staatsbetriebe sind. Auch bestehen bei der Qualitätsbestimmung des Produktes, nennen wir es mündige Jugendliche, die das öffentliche Interesse zur persönlichen Sache machen, klaffen Meinungsunterschiede schreiend auseinander, wie es bei der Qualitätsbestimmung einer Turibne, die funktioniert, unmöglich der Fall ist.
Dort gibt es eine Antwort und fertig.
Trotzdem wird das grosse Vorbild, die Mitarbeitendenqualifizierung nun auch an Schulen nach streng ökonomischen Massstäben durchgeführt, genau und folgsam, sprich dumpf linientreu, wie es für Pädagogen nun mal typisch ist.


Mai 4, 2026 at 7:27 a.m.
Und die Lösung?
Mai 4, 2026 at 2:37 p.m.
Hey Osacré, die Lösung hat Jürgen Oelkers, der Papst des Lehrplans, von Anfang gegeben, aber niemand hört darauf. Seine Antwort: Man muss Lehrkräfte machen lassen!!
Etzwilen demnächst? Gruess
Dond