Wir halten uns für zivilisiert. Mag sein, dass wir die Natur im alltäglichen Umgang überwunden haben. Zivilisiertheit lässt sich jedoch mühelos als besonderes Herdenverhalten beschreiben (Gantheför). Auch Indigene kennen Scham und sittliches Benehmen. Was sich aber noch heute unserer Kontrolle entzieht, das ist unsere Gruppennatur.
Meine Überlegungen starten beim Egoismus. Wenn so genannt spirituelle Führer davon reden, wir müssten erst unser Ego überwinden, steige ich sofort aus. Die Schönheit des Selbst, wie es in Indien heisst, meint ein Ich, das vom kosmischen Ganzen durchtränkt ist. Also muss es notwendig altruistisch sein. Daher wird in esoterischen Kreisen streng vom Ich, das egoistisch ist, und dem Selbst unterschieden, das mit der Welt übereinstimmt. Gerade die selbsternannten Gurus hierzulande, die auf die Überwindung des Ich pochen, geraten rasch in Verdacht, sie pflegten dafür ein spirituelles Ego. Das lässt sich handlich testen: Bei leichten Angriffen auf ihre Botschaft, bei leisester Infragestellung folgt eine bissige Antwort, begleitet von einer wohlwollenden Geringschätzung meiner Niedrigkeit. Das hat wenig mit Altruismus zu tun. Im Übrigen zeigt sich, kommt man mit ihnen dennoch näher ins Gespräch, dass sie nur halbherzige Demokraten sind.
Unser moralisches Verhalten anderen gegenüber liegt uns besonders am Herzen. Früher standen wir panische Ängste vor Verdammnis aus. Heute befürchten wir eher, Anschluss an andere, sprich an die Gruppe zu verlieren, sofern unser Verhalten als egoistisch gebrandmarkt wird. Wie komme ich also auf die Idee, das Gerede von der Überwindung des Ego abzuweisen?
Das liegt daran, dass ich Egoismus anders bewerte.
Ich persönlich geniesse den Altruismus, weil er ein gutes Auskommen mit anderen und daher viel Lebensfreude verspricht. Dabei bin ich gar nicht so wählerisch, denn meine Mutter ist mir da ein Vorbild. Sie verhielt sich nett zu anderen und tut es noch, wesentlich aus dem Grund, da dies ihr gute Gefühle einbringt. Ein Glücksfall also für mich. Zu bedenken allerdings ist, dass das Leben uns allen den Auftrag zur Selbstfürsorge mitgegeben hat. So gesehen erweist sich der Altruismus als ein Trick, dass man nämlich für ein bisschen Verzicht zugunsten anderer, wie er auch in der Natur auftritt, eine nachhaltige Zuwendung garantiert bekommt, die unserer Selbstfürsorge notfalls beisteht. Im Anschluss an die Verzichtsleistung gibt’s nachhaltig viel Freude und Dankbarkeit beinah umsonst.
Der Altruismus lässt sich spielend als ein Egoismus auf Umwegen erklären.
Dem Leben an sich dürfte es gleichgültig sein, ob es dank Egoismus oder Altruismus fortbesteht, denn es steht immer auf allen Seiten, aufseiten der Opfer wie der Täter. Deswegen kennt das Leben beide Gangarten, auch wenn Altruisten unter uns nach wie vor am Egoismus verzweifeln. Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Wissenschaft mit Moral. Dabei ist genau das herauskommen, was schon viele angetönt haben. Eigentlich läuft jede Moral darauf hinaus, dass ich auf eigenen Vorteil zugunsten anderer verzichte. Demnach ist der Altruismus Kernstück jeder Moral. Handeln zugunsten anderer hat Mitmenschen überhaupt im Blick, sofern es bei der Theorie zur Moral bleibt. Richtet man jedoch das Augenmerk auf die alltägliche Umsetzung von Moral, wird sehr bald klar, dass es sich bei diesen Anderen um eine klar begrenzte Menge von Mitmenschen handelt.
Nämlich um die Gruppe, der man angehört.
Moralisches Verhalten bedeutet Gruppenegoismus. So spricht die Wissenschaft.
Die grausamen Instinkte primitiver Menschheit und minderwertiger Tiere (Broca, Lombroso), die wir überwunden glauben, zeigen sich auch heute, und ganz besonders heute, auf Stufe Gruppe, innerhalb der wir uns zwar zivilisiert, sprich moralisch, sprich altruistisch benehmen, allerdings nur solange, bis die eigene Gruppe unter Druck gerät. Dann sehen sich ihre Mitglieder sogar dazu verpflichtet, mit der gleichen rohen Brutalität, mit ebenso primitiv wirksamen Mitteln gegen jene vorzugehen, die das Fortbestehen der Gruppe verneinen, sei es von aussen als direkter Gegner, seien es Verräter in eigenen Reihen.
Irgendwann darf man den Gegner, man muss ihn sogar mit Stumpf und Stiel ausrotten.
Grausame Instinkte und primitive Mittel sind zur Sicherung der Gruppe dann sogar geboten. Faschismus bedeutet eine Pflicht gegenüber der Gruppe, die sich aus den gewöhnlichen Pflichten ihr gegenüber sachlogisch ableitet.
Die Liste möglicher Gruppen von Menschen ist lang: Familie, Verwandtschaft, die Ethnie, die so genannte Heimat, die Nation, die Weltgegend, letztlich Weltanschauungen. Dazu kommt alles, was mit einem religiösen Bekenntnis zusammenhängt, mit einer politischen, mit einer wissenschaftlichen Überzeugung. Das meiste, was wir als Mitglieder solcher Sortierungen moralisch gefestigt sehen wollen, steht im Dienst am Fortbestand der eigenen Gruppe. Alle Bündnisse, Ehe- und Eidversprechen, bei denen angemasst wird, eine ganze Zukunft im Voraus bestimmen zu können.
Dieser Vorausblick, der nachhaltig verpflichtet, setzt sich über das seit je schlechthin menschliche Unvermögen hinweg, zuverlässige Vorhersagen zu treffen.
Und das für ein ganzes Leben, mit all den Umbrüchen und normativen Erosionen.
Schwur und Eid übertünchen in ihrem hochsymbolischen Aufmarsch, in ihrem theatralischen Brimborium diese blanke Unfähigkeit, dieses nackte Ausgeliefertsein des Menschen an die Zukunft. Der hilflose Ausgleich ist mit Händen zu greifen. Für viele liegt es nahe, von Überkompensation zu reden. Da werden Fahnen geküsst, Eidesformeln aus stolzer Brust verlautbart, Ringe an Finger geschoben, mit der unausgesprochenen Erwartung, sie niemals abzulegen, da werden Hymnen gesungen, mit edelfaul spätromantischem Text, die Hand auf dem Herzen und Tränen in den Augen, da werden Orden angeheftet, besiegelte Mandate vergeben, Commitments abverlangt, marktschreierische Logos entworfen. Immer mit einer Handvoll Zeugen, die einen später notfalls darauf behaften.
Mitglieder der Gruppe beobachten Mitglieder der Gruppe sehr genau.
Gleichschaltung ist für die Gruppennatur unverzichtbar, so sehr wir uns daran stören, denn sie erinnert an Zwang. Uniform, Trachten, besondere Gebärden, die man innerhalb der Gruppe sofort versteht, die feinen Unterschiede (Bourdieu). Alles Normative lässt sich spielend als ein besonderes Herdenverhalten beschreiben. Der unauffällige Durchschnitt erweist sich aus evolutionärer Sicht als überlebensstärkster Teil einer Gruppe, die äusseren Werte einer Verteilung, die von der Norm abweichen, sind so gesehen immer risikobehaftet. Lässt man bestimmte Gruppen von Menschen jedoch nach Belieben und Gutdünken ihr Leben führen, schalten sie sich freiwillig gleich, wie nachgewiesen wurde. So erinnern diese Eide, Bekenntnisse und Comitments an Zaubersprüche. Aufgeklärtheit jedenfalls kann ich ihnen unmöglich zusprechen.
Auch Ehre und Stolz sind so gesehen Gruppennatur. Man erklärt die Belange der Gruppe zur persönlichen Sache, auch wenn das gegebenenfalls gegen die Familie läuft, oder gegen langjährige Freundschaften. Wer seine Ehre verbissen sichert, arbeitet an der Gruppe, genauer an sich selbst als willig gebundenes Gruppenmitglied, indem er ihre Dringlichkeiten persönlich verinnerlicht hat. Auch wer in der versprochenen Treue einer Ehe festsitzt wie in einer Sackgasse, sorgt sich um sein persönliches Scheitern, möchte Schuld abwehren.
Dabei steckt er oder sie bis zum Hals in der menschlichen Gruppennatur. Dagegen antreten ist beinah ein übermenschliche Leistung.
Auch Kants Kategorischer Imperativ, das Herzstück seiner Ethik, lässt sich von daher beleuchten: Handle so, dass der Leitgedanke deiner Handlung als Gesetz zum Wohle aller dienen könnte. Kant meint Menschen überhaupt, genau wie der Nazarener Jesua vor zweitausend Jahren. Die Gruppennatur jedoch verhindert seit je die Umsetzung beider Ansinnen. Das alttestamentarische Tötungsverbot meint im engeren Sinne, du sollst keine Israeliten töten. Denn der Gott der Hebräer befahl ihnen einen Völkermord gegen die Amalek. Daran erinnerte wortwörtlich der israelische Premier in einer Ansprache vor seinen Streitkräften unmittelbar nach dem 7. Oktober.
Auch Schuld halte ich für Gruppennatur, trotzdem oder gerade weil wir Schuld sehr persönlich nehmen. Wir belegen Verhaltensweisen mit Schuld, die die Gruppe gefährden, sollten sie unter Mitgliedern Schule machen. Deswegen wurde früher öffentlich bestraft. Die Vierteilung des Königsattentäter Damien hat uns Foucault in Einzelheiten überliefert, die kaum verkraftbar sind. Die Frage, wie weit man Schuld bestraft und womöglich sogar schuldige Mitglieder entsorgt oder zur Wirkungslosigkeit in Zellen einstülpt, strafrechtlich oder psychiatrisch, ist letztlich ökonomisch bedingt. Die Rechnung muss stimmen, damit man auf Mitglieder der Gruppe verzichten kann, die rein zahlenmässig ihren Bestand zu sichern mithelfen.
Letztlich bedeutet Schuld die Todesangst der anderen, sprich die Sorge der Gruppe um ihren Fortbestand. Mit dieser Angst habe ich nichts zu tun, es reicht für ein Menschenleben, dass man seine persönliche Todesangst zu bewältigen hat. Ich fühle mich als Steuerzahler und als Verfassungspatriot sehr wohl einer Gruppe zugehörig, die mein eigenes Leben auf einem seltenen Wohlstandsniveau mitgarantiert. Alles Übrige, alles Normative verändert sich ohnehin. Es lohnt sich nicht, dass man sich für ein ganzes Leben darauf abstützt. In meinem Alter hat man schon manche normative Kippmomente miterlebt.
Auch unter vernunftorientierten Gruppen, was dem Selbstanspruch nach eigentlich für jede menschliche Gruppe gilt, nämlich dass sie sachbezogen und kalkuliert vorgeht, Gruppen also im Bereich Kirche, Politik und Wissenschaft sehe ich diese rohe Natur voll am Werk. Jahrhunderte lang wünschten sich Katholiken und Protestanten wechselseitig die Pest an den Hals. Die gegnerische Gruppe kann nur mit dem Teufel im Bunde stehen. Auch unter Freikirchen wird tüchtig gegeifert.
In der Politik liegt der Kampf für die eigene Sache auf der Hand, aber auch in der Schweiz meiden gegnerische Parteigänger traditionsbrüchig nach der Debatte das gemeinsame Bier. Auch an Universitäten verhält es nicht anders. Die Fakultäten überziehen sich mit Spott hinter vorgehaltenem Skript, die traditionellen Grabenkämpfe zwischen Natur- und Geisteswissenschaft sind legendär, der Ausdruck spricht Bände. Realisten hassen Konstruktivisten und umgekehrt. Sie meinen, das wirkmächtige Denken eines Michel Foucault sei besser gar nicht passiert. In akademischen Kreisen wird das Konzept der Autopoiese gerne belächelt, das an Pädagogischen Hochschulen beinah für heilig gilt. Ein Paradox sondergleichen für die systemischen Konstruktivisten, die dort ihr Wesen oder Unwesen treiben. Kernphysiker runzeln die Stirn über Teilchenphysiker. Ressoursive Psychologen meckern über die Kollegschaft, die sich klinisch orientiert. Historiker, die noch heute Quellen hermeneutisch auslegen, äussern sich gerne abfällig über die Luhmann-Front, wiederum ein kriegerischer Ausdruck, die soziologische Theorien als Werkzeug, als Brille mit vorgefertigem Raster zur Quellendeutung nutzt. Und die kontinentalen Philosophen, die gerne unverständlich verschachtelt reden, um priesterhaft zu wirken, grenzen sich aus voller Brust von der analytischen Denke ab, die einen schlichten, glasklaren Diskurs pflegt. Und so fort. Da wird eine Position erledigt, eine These zum Schweigen gebracht, eine Argumentation in der Luft zerpflückt, die der eigenen Stossrichtung zuwiderläuft. Thesen und Theorien, die in der eigenen Küche zubereitet sind, denen der eigene Stallgeruch anhaftet, sollen konkurrierende Konzepte aus dem Feld schlagen, ihre Allgemeingültigkeit soll stichhaltig sein für jeden Angriff, so der Anspruch, der mir in dieser Inbrunst und kämpferischen Wortwahl eher vormodern erscheint. Mit Aufklärung jedenfalls hat das nichts zu tun. Gerade Naturwissenschaftler laufen Gefahr, Daten zu schönen, damit die eigene Sache siegreich bleibt. Geisteswissenschaftler immerhin sind ausserstande, Prämissen ihrer Schlussfolgerungen zu schönen oder als geheim zu unterschlagen. Sie sind für alle kritisierbar.
Niemand besinnt sich darauf, dass wir alle an der gleichen Welterkenntnis arbeiten. Zwar sind die Anliegen verschieden, sie bringen unterschiedliche Interessen hervor. Wie in der Politik.
Aber die Welt ist die gleiche.
Ich halte unsere Gruppennatur für unzähmbar. Aber auch sie ist überall die gleiche. Was eine gemeinsame Basis wäre.
Eine erste Zähmung wäre eine radikale Neuausrichtung der Politik. Das meine ich ungeachtet der Tatsache, dass Radikalität sich nie auf Anhieb durchsetzt, sondern zunächst natürlich ökonomisch radikale Gegenkräfte weckt. Die Französische Revolution hat ein Jahrhundert gebraucht, bis sie sich nachhaltig durchsetzte. Mit Gesellschaften muss man geduldig sein. Bisher ging es der politischen Gruppennatur unter anderem darum, wie wir vor zersetzenden Einflüssen sicher sind. Bei zunehmender planetarischer Dichte von Menschengruppen muss die Frage anders lauten. Nämlich:
Wie sorgen wir dafür, dass andere Menschengruppen sich vor uns sicher fühlen?


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