Eigentlich müsste von Sprachmelodie die Rede sein, aber das hat nur bedingt das Zeug zum Titel. Ich biete eine Möglichkeit, um Fremdenfeindlichkeit zu lindern. Und zwar in dem Moment, in dem jemand eine unverständliche Sprache spricht oder das Einheimische uns entgegen radebrecht. Mein Anliegen: Es gibt Rassisten in meinem Bekanntenkreis, die ich trotzdem mag.
Kein Grund also, auf Abstand zu gehen, auch wenn ich postmoderne Werte vertrete. Wie kann ich Intoleranz tolerieren, rief einmal ein Bekannter aus, als er dies hörte, er meinte, meine Haltung seine eine Sünde wider den Geist. Was ein Thema für sich wäre.  In einigen Fällen dieser Bekannten handelt es sich um politisch Überzeugte, wie es auch zu erwarten wäre. Ich bleibe trotzdem in Kontakt, denn als Schweizer Verfassungspatriot, frei nach Habermas, bin ich überzeugter Demokrat und sage mit Voltaire, ich lehne deine Meinung ab, aber ich gäbe mein Blut dafür, dass du sie äussern kannst. In anderen Fällen liegt die begründete Vermutung nahe, dass die Fremdenfeindlichkeit auf blanke Überforderung zurückzuführen ist. Und wiederum in einer Handvoll dieser Fälle geht es dabei um eine gewisse Sensitivität, die auch sonst rasch unter Druck kommt. Ihnen allen widme ich meine Gedanken zum Sprachgesang.

Im sprachlichen Ausdruck, gerade wenn er von Gefühlen getragen wird, sind anthropologische Konstanten nachweisbar: Gereiztheit, Freude, dringende Fragesituation, dringende Rechtfertigung, dringende Aufklärung und so fort. Das heisst, wenn Menschen reden, lässt sich in jedem Fall ein Satz heraushören, ohne dass man seine Bedeutung versteht. Diese Übung vertiefe ich regelmässig, wenn ich in Zürich im Tram unterwegs bin oder wenn hier im touristengesättigten Stein am Rhein die Fenster offenstehen.

Beim Chinesischen würde man eine Grenze dieser Methode vermuten, aber selbst da hängt es davon ab, dass ich achtsam hinhöre. In einer Dokumentation über Nokia in China werden Arbeiterinnen befragt, die an der Montagestrasse werken. Eine äussert sich zur Vorarbeiterin, die sie arg schikaniert, das lässt sich den Untertiteln entnehmen. Dabei äfft sie sie nach. Und sie tut es, wie wir es tun, sie hebt nämlich die Stimme in kindlicher Weise und dehnt die Worte übertrieben, als wäre die Person, die sie zitiert, beschränkt im Kopf. Die Frau wurde für mich auf Anhieb greifbar, sie wurde mir in gewisser Weise vertraut.

Vernehme ich also frustriert eine unverständliche Sprache, achte ich einfach auf die Satzmelodie.

Auf den Sprachgeswang.

Und schon höre ich den Menschen heraus.