Meine Generation gehört zu jenen souveränen Kritikern, die dem Betrieb im Netz jede Echtheit absprechen. Nur die reale Begegnung garantiere Echtheit. Aus meiner Sicht trifft das genaue Gegenteil zu.

An dieser Meinung halten meine Generationsgenossen auf Biegen und Brechen fest. Beginne ich meine Überzeugungsarbeit, wird sehr bald abgewunken. Weg damit, bitte. Im Grunde eine faschistoide Geste. Wir halten an bestimmten Werten fest, bis sie erodieren, dafür sorgt das Leben an sich, leider oder zum Glück. Je länger eine Werteüberzeugung schon dauert, desto eher verweigern wir uns dem leisesten Zweifel. Aber das ist bloss ein intim ökonomisches Problem.

Hat sich unser Selbstbild, das von bestimmten Werten abhängt, dauerhaft bewährt, halten wir natürlicherweise daran fest.

Der fürchterliche Ausdruck Authentizität ist in aller Munde. Echtheit bleibt also der realen Begegnung vorbehalten. Wie wir damals, mit unserem sonnigen Lachen von Mensch zu Mensch, gegebenenfalls aber mit gekreuzten Fingern im Rücken. Als Bub erlebte ich mit, wie meine Eltern mit einem zufälligen Passanten, den sie halbwegs kannten, kurz eine freundliche und aufgeschlossene Unterhaltung führten. Die Männer klopften sich zum Abschied sogar auf die Schulter. War der Mann ausser Hörweite, zogen meine Eltern übelst über ihn her. Ich war verwirrt. Später war ich mit einem Mädchen liiert, einer Bombe von Teenie, mit Schmuck, Schminke und üppiger Föhnfrisur. Wann immer möglich, tanzte sie herum, wickelte Erwachsene um den Finger. Bei zunehmender Annäherung entpuppte sie sich als unsicherer, junger Mensch, der insgeheim dem Kreuz der Hugenotten folgte, von Stiefeltern überwacht.

Eine reale Begegnung garantiert keineswegs Echtheit. Das Netz hingegen läuft vor Echtheit über, nach meiner These zumindest, aber vielen missfällt, was hier zutage tritt. Politische Überzeugungen kommen weichgespült daher, wenn sie unmittelbar an Gegner addressiert sind. Das Netz hingegen, das Blasen für Hunderte zum Austausch bietet, kehrt den persönlichen Mist nach oben, in dem eine politische Überzeugung verwurzelt ist. Echter kann es wohl kaum sein.

Angeblich sind Chatfreunde keine echten Freunde, auch der vielen Emojis wegen, die meine Generation der überwiegenden Tendenz nach für lächerlich hält. Chats überbrücken eine irreale Ferne, sie sind trotzdem enge Begleiter im Alltag. Auch während der Arbeit oder sonstiger Pflichten ploppen Zeitlücken auf, um ein geteiltes Stichwort, ein zielführendes Emoji abzusetzen, bei dem man um die persönliche, sprich echte Wirkung genau Bescheid weiss. Der kleinste, jedoch wirkmächtigste Kontakt lässt sich spielend zwischenschalten. Vor Multitasking wird gewarnt. Ich sehe eine zwiebelartige Ordnung: Arbeit, chatten, Arbeit, kurz einkaufen im Netz, Arbeit, ein Stück Video für zwischendurch, Chatten, Arbeit. Dieses Zwiebelsystem bildet immerhin die Beschaffenheit unseres Bewusstseins deutlicher ab, als das Modell von einem Verstand mit Krone, der über einer abgründigen Kloake leuchtet, dieser Babyschaum von Evolution. Übersehen wird, dass man Emojis unmöglich ironisch verschickt. Demnach sind sie immer echt gemeint. Zur Aufklärung, man meine eines sogar im gegenteiligen Sinne, müsste man ein anderes nachreichen, aber spätestens dieses beansprucht dann pure Echtheit. Andernfalls ginge die Aufklärung daneben. Ich habe endlos aufgereihte Heulemojis erlebt, die privat aus Gaza stammten, überprüft durch Facecall, den ich zufällig veranlasste und der jeweils sofort angenommen wurde. Über die echte Bedeutung eines Herzens hingegen, das als Like inflationär verschickt wird, entscheidet der Chatverlauf. Mittlerweile kenne ich aus eigener Erfahrung, dass eine enggeführte Unterhaltung auf diesem Weg Echtheit zu einem Feuerwerk an Gefühlen hochschaukeln kann, wie es in der so genannt realen Begegnung nur bedingt möglich wäre. Da beschäftigt uns zu sehr, dass wir Anschluss an Andere behalten, mit denen wir die unmittelbare Gegenwart teilen.

Dann die ganze Pornografie. Leider verliere ich über dieses Thema verräterisch viel mehr Worte als über die anderen. Zwar hat es nur mittelbar mit dem Netz zu tun, da es Pornographie beinah seit je gibt. Aber das gilt eigentlich für alle Themen hier, zumal es auch für Politik und persönlichen Austausch schon immer bestimmte Kanäle gab. Also spricht auch die immense Verbreitung dafür, diese Thema hier anzuschliessen. Das Netz vervielfacht, verdichtet sie nur. Dann stellt sich grundsätzlich die Frage, ob das Netz uns mit Unechtheit zumüllt oder aber mit einer Echtheit bekanntmacht, die uns womöglich wenig geheuer ist.

Wer immer Echtheit vermisst, muss sich fragen, gerade wenn es um Pornographie geht, wieviel Echtheit er oder sie tatsächlich verträgt.

Punkto Echtheit bietet Pornographie ein heikles Terrain, sie enthält zu dieser Frage meines Erachtens sogar ein Tabu: Oberflächlich gesehen handelt es sich bei Pornos um Zirkussex nach dem immergleichen Drehbuch. Eine Art neues Spiessertum, eine freiwillige Gleichschaltung, wie wir sie gerne verkennen. Zum Vergleich: Eine tantrische Begegnung, wo sie unter anderem aufrecht sitzend vereinigt sind und bloss vor- und zurückwippen, mal schwächer, mal stärker, doch ausdauernd, würde bloss langweilen und keine Coins versprechen. Ein unverständliches aneinander Kleben, ohne Stellungswechsel, ohne gehechelte Worte, die das Gehirn zum Glühen bringen. Man würde verpassen, wie die beiden irgendwann, später als spät, von einem markischen Lichtstoss erfasst und durchschüttelt aus voller Brust nach oben ausatmen. Dennoch lohnt sich ein Blick auf diese Thematik, der tiefer geht. Aus zwei Gründen: Immerhin gibt es mittlerweile auch Frauen, die süchtig danach sind. Auch sind heutzutage auf dem Markt Produkte greifbar, die von Frauen inszeniert sind. Das Anliegen ist also breiter gestreut als erwünscht. Echtheit ist bei Pornos doch unmöglich zu erwarten, meinen wir, verhindert durch den Einfluss der Kamera, die Fassbinder «Heilige Nutte» nannte, verhindert auch durch Geld, das meistens das Verhalten im Scheinwerfer bestimmt. Männer bleiben vor der Kamera ein zittriges Stück Fleisch ohne Mimik, das irgendwann ausgrunzt,  prostataunkundig, wie sie sind, beckenbodenblind und zumeist homophob. Dennoch ist ihre rohe Authentizität körperlich garantiert und lesbar. Von Frauen erwarten wir traditionsgemäss schamhafte Mütterlichkeit, genauer das Verhalten, das diese Reinheit in jungen Jahren vorbereitet. Gewisse Mafiosi etwa bringen es kaum auf die Reihe, dass ihre Mütter sich kurzfristig als Hure darboten, um zu zeugen. In dieser verkorksten Sichtweise steckt nach wie vor die Religion von der Beflecktheit weiblichen Lebens. Was das erwähnte Tabu betrifft, so müssen wir damit leben, dass es auch vor der Kamera Frauen gibt, die ihren Körper als blosses Röhrensystem mit Hohlräumen begreifen, den sie pausenlos durchspülen lassen, wobei sie jede Etikette missachten, die man von Frauen als mögliche oder tatsächliche Mütter erwartet. Und da ihnen diese energetische Spülung, diese Dusche nach oben in endlosen Wellen gelingt, die kaum verebben, auch wenn sie mehrfach kopfüber brechen, sind sie darauf angewiesen, dass mehrere Partner bereitstehen.

Totale Spülung, totale Klarheit, Frische bis unter die Haut. Ein Zustand, im Grunde wünschenswert für alle Menschen. Und dahin führen nun mal unterschiedliche Wege.

Kamera und Geld verhindern Echtheit nicht unbedingt. Unter Umständen reizen sie sogar dazu auf, bieten den nötigen Schutzraum dafür, gerade da die Erwartung vorherrscht, unter diesen Bedingungen sei keine Echtheit zu erwarten.

Wer dieser gängigen Überzeugung ist, sieht dann auch keine.