Neue Schlieremer, das klingt nach einer tollen Sache. Lieder und Sketchs nach heutigem Zuschnitt. Leider hat das Ganze eine bittere Kehrseite. Die lebensweltlichen Umstände, die hier in witziger Weise zur Sprache kämen, bleiben besser verschwiegen. Denn diese Jugendlichen haben einen Spielraum von einem Schraubstock.
Der Handrücken einer vierzehnjährigen Kurdin ist völlig beschriftet. Bloss ein Scheintatoo, aber mit sorgfältig ausgeführten Lettern. Es erstreckt sich auch über die Finger. Da steht: «Free Erhan», «Free Anila”, “Free Nana”, “Free Aubry”, “Free Babosch”, “Free Vian”, “Free Macha.” Man müsste eine rebellische Haltung vermuten, sofortige Massnahmen wären zu ergreifen, abgestimmt mit der Schulleitung und der Sozialarbeit. Ein Verhör vielleicht, das wie immer wohlwollend und kollegial anfängt und dann, wie so oft, auf blossen Druck hinausläuft. Aber auf einem Finger steht auch da:
«Free Mama.»
Was wäre das für eine gefährliche Rebellion, wenn sie die Befreiung der Mutter zum Ziel hat? Die Sache geht zu Herzen. Mir jedenfalls. Befreiung eigentlich von wem? Wir leben in einer Gesellschaft, die allen Mitgliedern Selbstbestimmung garantiert, doch die Ausgangslage, der Startpunkt zu Selbstentfaltung und Wettbewerb unterscheidet sich unter uns beträchtlich. Von der Mutter weiss ich, dass sie als Migrantin in Schichten arbeitet, in den Eingeweiden eines Grossverteilers, hinter Kulissen, unter Tage. Dort wird sie wie ein Stück Dreck behandelt. Von Vorgesetzten tiefsten Ranges, die wie überall den Druck, der ihnen im Nacken sitzt, nach unten verteilen. Latent aggressiv frustrierte Menschen. Ob einheimisch oder nicht, spielt keine Rolle.
Wer Einwanderung beklagt, soll dazu aufrufen, dass bitte Schweizer in Grossküchen schuften, dass sie in öffentlichen Räumen dreimal wöchentlich Toiletten schrubben, dass sie im Hochsommer Autobahnen teeren. Im Übrigen sollen sich Einheimische um ihre Fortpflanzung kümmern. Die Rate sinkt seit Langem. Wer Wohlstand auf diesem Niveau garantiert sehen möchte, wie wir es selbstverständlich finden, muss für Nachkommen sorgen, die an einem der vielen Rädchen drehen, die dieser Wohlstand nötig macht. In der Vergangenheit gab es namhafte Stimmen, die Kinderlose als Parasiten verschrien, denn sie genossen alle Vorzüge der Gruppe, ohne zu ihrem Fortbestand beizutragen. Diese Empörung richtete sich auch gegen Homosexuelle aus dem gleichen Grund.
Schauplatz Schule. In der Bildungspolitik wird von Qualität an multikulturellen Schulen geredet. Ein Witz. Die kulturellen Unterschiede spielen keine Rolle. Einzig die Abwesenheit der Muslime beim Zuckerfest fällt auf. Ansonst wird alles über einen Kamm geschert, wie von selbst. Auch die Jugendlichen schalten sich gleich, die Kultur ihrer Herkunft lassen sie zu Hause, sie dürfte ihnen eher peinlich sein. Dieses postmoderne Geschwätz ergötzt sich an Vielfalt seit je. Vor lauter Pluralitätsdiskurs wird missachtet, dass die einzelnen Ethnien sich ungern mit bestimmten anderen in einen Topf geworfen sehen. Schon gar nicht von irgendwelchen Theoretikern, die keinerlei direkten Kontakt zur Basis unterhalten, über die sie theoretisieren. Es müsste heissen Qualität an Schulen mit Kindern aus prekären Verhältnissen, das würde die Lage sachlich spiegeln: Hackordnungen in überfüllten Wohnungen, sodass ein Schüler nur auf dem Korridor des Wohnsilos ausserhalb der Wohnung in Ruhe lernen kann, Anschreien rund um die Uhr, konstant knappes Budget, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auch untereinander. Drohung wegen Rückschaffung, falls das Kind die Erwartungen verfehlt, falls es altersgemäss aus Überdruck lügt oder Ärger anzettelt. Längst hat die Wissenschaft klargestellt, was wir von diesem Alter zu erwarten haben. Hier kommen prekäre Umstände dazu. Diese geprüfte Einsicht, hormonelles Durcheinander, neuronaler Umbau, Anschlussstress an Gruppen, wird konsequent missachtet. Latent aggressiv frustrierte Lehrkräfte setzen Daumenschrauben an, wo immer es geht. Also auch hier ein Menschtyp, von dem man sich bereit sehen möchte. Aus ihrer Sicht beruht das Fehlverhalten dieser Jugendlichen darauf, dass sie zu dumm sind oder zu bequem. Beides ist falsch. Sie überleben prekär, sie halten eine dauernde Nervosität aus, um Wichtiges zu schützen, das hier leicht in die Mühlen gerät, um sich vor Schlimmerem zu bewahren. Und es ist nur folgerichtig, wenn sie ihre natürliche Schlauheit dafür einsetzen und so den paranoiden Argwohn ihrer Lehrpersonen verstärken. Diese nutzen Elterntelefonate oder drohen sie an. Damit machen sie sich zu Komplizen mit drakonischen Strafen wie etwa mit häuslicher Gewalt, die hierzulande verboten ist. Also nutzen sie ein illegales Verhalten aus, damit sie ihre Klasse diszipliniert halten.
Dazu kommt, dass manche dieser Kinder Pflichten erfüllen, von denen wir Schweizer in diesem Alter völlig ungeprüft bleiben. Manche kochen über Mittag für sich allein oder auch für Geschwister, sie bringen sie in den Kindergarten, holen sie dort ab. Ein Vierzehnjähriger schläft neben seiner kleinen Schwester mit Autismus-Spektrum, wenn die Eltern Nachtschichten abarbeiten. Er ist für sie zuständig, auch wenn sie ihn dreimal nachts weckt. In der Schule wird er aufgrund seiner Müdigkeit der Unterstellung ausgesetzt, er habe wohl zu viel gezockt in der Nacht.
Geglaubt wird grundsätzlich nichts.
Eine Albanerin, im gleichen Alter, ist sogar für zwei kleinere Geschwister zuständig, und sie hat geradezustehen, wenn etwas schiefläuft. Einmal meinte sie zu mir, sie habe den Eindruck, dass sie dieser Pflichten wegen in den vergangenen Schuljahren oft davon abgelenkt war, konzentriert zu lernen. Die Lücken häuften sich, weiteten sich, bis sie aufgab und ihr Gehör auf Durchzug stellte, wenn sie wieder einen moralischen Abrieb erfuhr.
Für diese Pflichten, die sie im falschen Alter bewältigen, ernten Neue Schlieremer weder Respekt noch Verständnis.


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