Die Vereinigten Staaten sind bis über beide Ohren verschuldet. Es würde mich kaum verwundern, wenn diese Misswirtschaft seit den 90ern einer libertären Überheblichkeit geschuldet ist, deren Folgen unser aller Leben bestimmt. Libertär verstehe ich als völlig übersteigerten Freisinn. Gegner davon sprechen von Neoliberalismus. Höchste Zeit also, dass man die sachlichen Irrtümer dieser Überheblichkeit in den Blick bekommt.
Die US-Verschuldung sorgt weltweit für eine Anspannung, die ernst zu nehmen ist. Immerhin entgleitet der Haushalt dem ehemaligen Weltpolizisten. Es wäre nicht das erste Mal, dass vorsätzlich ein Flächenbrand losgetreten wird, wenn die Staatskassen leerer sind als leer. Die globale Liberalisierung ging von einer falschen Annahme aus. Ihre ersten Verfechter Reagan, Thatcher und in deren Fahrwasser die Bushs, Clintons und Obama teilten die Überzeugung, die Liberalisierung sei alternativlos für alle Nationen dieser Erde. Ein gewisser Tony Blair hielt ihr Auftreten für so notwendig wie die Abfolge der Jahreszeiten. Diese blasierte Selbstsicherheit beruht auf dem Irrtum, der Kapitalismus hätte den Sowjet-Kommunismus in die Knie gezwungen.
Diese Annahme ist falsch.
Das lässt sich feststellen, ohne deswegen Sozialist zu sein. Ein Körnchen Wahrheit mag in diesem Irrtum liegen, mehr aber nicht. Stattdessen lässt sich mit einem Historiker klarstellen, der leider aus meinem Regal verschwunden ist, dass die Sowjetunion am menschlichen Unvermögen gescheitert ist, eine hart erworbene Komfortzone wieder zu verlassen.
Oder sie ist gescheitert an der menschlichen Unfähigkeit, einen Schwarzpeter in die Finger zu nehmen.
Oder auf eine Kassandra zu hören, die unbequeme Wahrheiten verkündet, die offenkundig zutreffen.
Diese Eigenart ist weder kommunistisch noch kapitalistisch, sondern eben menschlich.
Sie ist anthropisch.
Als Folge des Ölboykotts durch die arabischen Mitglieder der OPEC 1973 kam die Sowjetunion zu paradiesischen Einnahmen im Ölexport, sodass sie ihre Planwirtschaft sofort hochbudgetierte. Mitte der 80er Jahre sank der Ölpreis wieder, was durchaus der freimarktlichen Flexibilität des Westens anzurechnen ist, besagtes Körnchen Wahrheit eben, der alternative Energiequellen ausbaute, Fotovoltaik und Anderes. Nun hätte das Zentralkomitee die Ausgaben rückanpassen müssen. Das wäre der Moment gewesen, auf warnende Stimmen zu hören, den Schwarzpeter in die Finger zu nehmen und die Komfortzone wieder zu verlassen. Stattdessen trieb man sehenden Auges in den Abgrund. Tschernobyl geschah aufgrund überstürzten politischen Druckes.
Vor dieser Gefahr ist allerdings auch der Kapitalismus völlig ungeschützt. In den Nuller Jahren beglückte ein kauffreudiges China zahlreiche Firmen, was diese zu seltenen Ausgaben verlockte, doch niemand zog die Reissleine, als China seine Einkäufe abrupt drosselte. Das gleiche grundmenschliche Problem also. Diese privatwirtschaftliche Schlappe soll zu den Folgen der Finanzkrise 2008 beigetragen haben.
Diese gibt das nötige Stichwort für ein zweites Beispiel für dieses grundmenschliche Problem aufseiten des Kapitalismus: In den USA hat man ungedeckte Hypotheken mit gedeckten gebündelt, was diese so lange abgesichert hat, als die gesunden Papiere in der Überzahl blieben. Die Hypothekenvergabe wurde zunehmend wichtiger als ihre Deckung. So kippte das Gleichgewicht, da immer mehr giftige Papiere eingestapelt wurden.
Bestimmt haben manche hie und da angemahnt, damit aufzuhören. Aber die Komfortzone war zu verlockend. Der Betrieb rollte dahin, und niemand wagte, Sand in sein Getriebe zu streuen.
Also besteht kein Grund für diese ekelerregende libertäre Überheblichkeit.


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